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Heilpflanzen

Nachhaltig sammeln oder kultivieren

14.01.2014
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Mehr als 90 Prozent der weltweit kommerziell genutzten Heilpflanzen werden direkt aus der Natur entnommen. Dies kann erhebliche Probleme bergen, die von Qualitätsmängeln bis hin zur Ausrottung der Pflanze reichen. Kontrollierter Anbau bietet eine Alternative – aber nicht immer.

Weltweit werden etwa 72 000 Pflanzenarten als Heilpflanzen genutzt. In den internationalen Handel gelangen davon jedoch nur 4000 bis 7000 Arten. In Deutschland sind es etwa 1500. Davon stammen nur 50 bis 100 Arten ausschließlich aus dem Anbau. Diese Zahlen nannte Professor Dr. Maximilian Weigend, Direktor der Botanischen Gärten der Universität Bonn, bei einer Pressekonferenz des Komitee Forschung Naturmedizin (KFN) in München. Weltweit seien etwa 15 000 Heilpflanzenarten vom Aussterben bedroht, meist durch unkontrollierte Wildsammlung.

 

Bevor eine Pflanze komplett ausgerottet ist, droht das »kommerzielle Aussterben«. Dies bedeutet, dass die Bestände so stark zurückgehen, dass sie keine Nutzung mehr vertragen. Wird trotzdem geerntet, sei dies unwirtschaftlich und/oder illegal, erklärte Weigend. Nach Expertenmeinung sind etwa 14 Prozent der seit 1600 ausgestorbenen Pflanzenarten durch Übernutzung verschwunden.

 

Die Wildsammlung von Arzneidrogen erfordere keine langfristigen Planungen und Investitionen und verursache relativ geringe laufende Kosten, gab der Botaniker als Vorteile an. Zudem seien viele Händler der Meinung, dass diese Pflanzen eine höhere Wirksamkeit hätten. Dagegen stehen erhebliche Nachteile: Die Gefahr von Verunreinigungen und Verfälschungen sei hoch, häufig schwankten die Wirkstoffgehalte und die Qualitätskontrolle sei schwierig. Hinzu kommen Artenschutzprobleme.

 

Der Referent plädierte klar für den kontrollierten Anbau von Arzneipflanzen. Dieser liefere hochwertiges Ausgangsmaterial mit vorhersagbarem Wirkstoffgehalt, die Qualitätskontrolle sei gut durchführbar und der Anbau zertifizierbar. Einheimische Firmen und Arbeiter könnten mit dem Anbau mehr verdienen. Allerdings verursacht die Kultur hohe Kosten.

 

Anguaraté im Anbau

 

Als ein Beispiel für gelungenen Anbau stellte Weigend die südamerikanische Heilpflanze Anguaraté (Mentzelia scabra Kunth. subsp. chilensis Gay Weigend) vor, die an steilen Andenhängen wächst. Seit etwa 1950 wird sie in Deutschland in der Magenheilkunde eingesetzt. Die Rohdroge stammte traditionell aus Wildsammlungen in Peru. Allerdings habe es immer wieder Probleme mit zu geringen Wirkstoffgehalten, vor allem an Mentzelosid und dessen 5-Hydroxy-Derivat, Verfälschungen und Verunreinigungen gegeben.

 

Nachhaltige Wildsammlung

 

Forscher wiesen nach, dass die Pflanze in Südamerika zwar weit verbreitet ist, aber nur eine Lokalrasse in Peru die erforderlichen Wirkstoffgehalte erbringt. »Der Anbau dieser Chemorasse gelang problemlos«, berichtete Weigend. Die Pflanze wachse schnell, und man könne zweimal im Jahr ernten. Die Wirkstoffgehalte seien »ausgezeichnet«. Aber trotz optimaler Bedingungen ist kultivierte Ware deutlich teurer als wild gesammeltes Material.

Ist ein Anbau unwirtschaftlich oder nicht möglich, bietet die nachhaltige Wildsammlung eine Option. Dabei wird beispielsweise nur ein definierter Anteil der Pflanzen geerntet, es gibt Ruheperioden für die Bestände, und es wird eventuell nachgesät. »In sehr vielen Ländern ist die nachhaltige Wildsammlung heute die einzig legale Form der Wildsammlung«, informierte Weigend und nannte als Beispiel Ragtania (Krameria lappacea Dombey Burdet & Simpson). Jährlich werden etwa 35 Tonnen Wurzel aus Peru exportiert, vor allem nach Deutschland für Zahnpflegepräparate.

 

Ragtania gilt als kommerziell ausgestorben in Ecuador, Bolivien, Nordchile und weiten Teilen Perus. Eine Anzucht der obligat parasitisch wachsenden Pflanze gelang zwar, war aber viel zu teuer: Sie ist erst nach zehn bis 15 Jahren erntereif. Seit 2005 werde Ragtania nach einem definierten Protokoll in zwei Regionen schonend gesammelt, erklärte der Botaniker. Unter diesem Managementsystem sei die Pflanze eher häufiger als seltener geworden. /

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