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Was im Verdachtsfall passiert

23.01.2006
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Vogelgrippe

Was im Verdachtsfall passiert

von Conny Becker, Berlin

 

Meldungen von Verdacht auf Vogelgrippe bei Patienten in der EU haben in den letzten Tagen für Aufregung gesorgt. Sie haben sich als Fehlalarm herausgestellt. Doch was passiert im Verdachtsfall und wie ist Deutschland auf eine mögliche Pandemie vorbereitet?

 

Die Gefahr, sich bei einer Reise in Ausbruchsgebiete mit H5N1 zu infizieren, schätzen Experten derzeit als sehr gering ein. Doch ein Restrisiko besteht, dass Urlauber die Vogelgrippe nach Deutschland oder Europa einschleppen könnten. Patienten, die nach einem Aufenthalt in der Türkei mit Grippesymptomen in die Apotheke kommen, sollten daher umgehend an einen Arzt verwiesen werden. Dabei ist zu beachten, dass die Inkubationszeit der Vogelgrippe länger ist als bei einer saisonalen Influenza. So traten erste Symptome bei den bislang Erkrankten im Mittel vier Tage, zum Teil aber auch erst acht Tage nach Exposition auf.

 

Der Hausarzt muss gemäß den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts () zunächst die klinischen Symptome sowie die epidemiologische Exposition überprüfen. »Sind Grippesymptome vorhanden, muss zwischen der saiso-nalen Influenza, die auch in der Türkei zurzeit beginnt, und H5N1 unterschieden werden«, sagte Privatdozent Dr. Walter Haas, Leiter des Fachgebiets respiratorische Erkrankungen und Impfprävention am RKI auf einer Veranstaltung der Freien Universität Berlin. Eine Vogelgrippe-Erkrankung beim Menschen zeichnet sich durch einen akuten Krankheitsbeginn, Fieber, begleitet oder gefolgt von einer schweren Atemwegserkrankung mit Husten und Atemnot aus. Häufig sind auch gastrointestinale Symptome wie starker Durchfall, Übelkeit oder Erbrechen. Typische Symptome der humanen Influenza wie Hals-, Kopf- und Muskelschmerzen können bei einer H5N1-Infektion vorkommen, sind aber nicht immer vorhanden.

 

Ein Verdacht auf Vogelgrippe besteht, wenn ein Patient in einem Endemiegebiet gewesen ist und innerhalb von sieben Tagen vor Erkrankungsbeginn entweder direkten Kontakt mit lebenden oder toten Tieren, deren Ausscheidungen, rohem Fleisch oder erkrankten Menschen hatte oder auf einer Geflügelfarm oder in einem Labor tätig war, in dem auf Influenza A/H5 getestet wird. In diesen Fällen kann der behandelnde Arzt zum Ausschluss von Erkältungskrankheiten die Grippeviren mit einem Influenza-A-Schnelltest nachweisen. Für diesen Antigenschnelltest, der etwa 30 bis 45 Minuten dauert, muss er einen Nasen-, besser aber Rachenabstrich nehmen.

 

Die Tests haben eine Sensitivität und Spezifität von circa 40 bis 100 Prozent beziehungsweise 52 bis 100 Prozent und sind somit nur beschränkt aussagekräftig. Parallel zu diesen Tests sollte ein Labor daher die Probe überprüfen, sagte Haas. Solange ein Verdacht auf Vogelgrippe besteht, müssen entsprechende Hygienemaßnahmen eingehalten werden. Dazu gehören der übliche Infektionsschutz für medizinisches Personal, eine sorgfältige Händehygiene und eventuell Mundschutz für den Patienten, der Menschenansammlungen meiden sollte. Patient und Behandelnde sollten sich häufig mit Seife waschen, da Tenside die Lipidhülle der Viren schädigen.

 

Fällt der Influenza-A-Schnelltest positiv aus, muss der Arzt einen erneuten Abstrich nehmen und die Probe an ein nahe gelegenes Labor versenden, das eine Subtypisierung und molekulare Identifizierung und Differenzierung der Viren vornehmen kann. Zuvor sollte jedoch das Nationale Referenzzentrum für Influenza am RKI informiert werden, später das zuständige Gesundheitsamt.

 

Das Speziallabor weist entweder das Erbgut des Virus mittels PCR oder das virale Antigen mittels Immunfluoreszenztest mit monoklonalen H5-Antikörpern nach. »Nach drei bis vier Stunden kann man wissen, ob der Patient H5N1 hat«, sagte RKI-Präsident Professor Dr. Reinhard Kurth. Zur Vorbereitung auf einen Pandemiefall seien bereits Ringversuche gelaufen, in denen getestet wurde, wie genau Speziallabors den Virustyp identifizieren können. Das Nationale Referenzzentrum am RKI habe entsprechende Kurse angeboten.

 

Um bei der Behandlung eines Vogelgrippepatienten möglichst wenig Zeit zu verlieren, rät die WHO, schon bei Verdacht auf eine H5N1-Infektion einen Neuraminidase-Hemmer zu geben. Dabei ist die optimale Dosis und Dauer der Therapie noch unklar, da Mediziner noch zu wenig Erfahrungen mit aviärer Influenza haben. Untersuchungen an Mäusen weisen darauf hin, dass der aktuelle H5N1-Stamm höhere Dosen benötigt, als der von 1997. Die WHO rät, bei leichten Erkrankungen die gängige Dosierung von zweimal 75 mg Oseltamivir täglich über fünf Tage zu geben, bei schwereren Verläufen eventuell zweimal 150 mg täglich über sieben bis zehn Tage. Amantadin ist bei Patienten mit Vogelgrippe unwirksam, da die jetzigen H5N1-Stämme resistent gegen den NMDA-Inhibitor sind.

 

Probleme im Pandemiefall

 

Eine Pandemie zum jetzigen Zeitpunkt würde die Mediziner vor einige Probleme stellen. Denn die Länder hatten laut Bundesärztekammer (BÄK) bis Ende 2005 nur für 5,6 bis 15 Prozent der Bevölkerung einen Vorrat an Neuraminidase-Hemmern angeschafft, anstatt der im Pandemieplan empfohlenen 20 Prozent. Angesichts dieser knappen Bevorratung müsste die Verschreibung der Grippemittel auf besonders gefährdete Personen beschränkt werden. BÄK und KBV lehnen es allerdings strikt ab, Risikogruppen zu definieren. Einem Patienten, der nicht zu einer Risikogruppe zählt, das Medikament nicht zu verschreiben, sei »zutiefst unethisch und mit der ärztlichen Berufsauffassung nicht vereinbar.« Auch aus rechtlichen Gründen müssten die Mediziner die antiviralen Arzneimittel rezeptieren ­ so lange, bis der Vorrat aufgebraucht ist.

 

Die Erfahrungen aus vergangenen Grippepandemien zeigen, dass sie in mehreren Wellen ablaufen. Um möglichst bereits gegen die zweite Welle gewappnet zu sein, muss die Vakzineproduktion schnell ablaufen. Die Impfstoffentwicklung für ein Pandemievirus wird vom Bund mit rund 20 Millionen Euro unterstützt. Die beiden in Deutschland sitzenden Hersteller sollen sich dafür verpflichten, für die Bundesrepublik bestimmte Ressourcen bereitzuhalten. Etwa 80 Prozent der Produktion soll für die EU, die übrigen 20 Prozent für den weltweiten Bedarf zur Verfügung stehen. GlaxoSmithKline hat für einen Impfstoff-Prototyp bereits am 18. Dezember die europäische Zulassung beantragt. Dieser wird mithilfe bebrüteter Hühnereier gewonnen. Er enthält ein Vollvirus, statt Virusbestandteilen, und ein Adjuvans auf Aluminiumsalzbasis, beides um die Impfstoffausbeute zu erhöhen. Mit der Zulassung ist Mitte März zu rechnen. Bei einer Pandemie würde dann im günstigsten Fall zehn bis zwölf Wochen nach Isolierung des Virus der erste Impfstoff vom Band laufen. Dann sind zehn Wochen nötig, um 80 Millionen Impfdosen für die deutsche Bevölkerung herzustellen, weitere zehn für die zweite Impfung. Sollte das Virus jedoch sehr aggressiv sein, wird die Entwicklung und Produktion länger dauern, so Kurth. Denn der Erreger tötet dann die zur Virusvermehrung benötigten Hühnerembryonen zu rasch ab.

 

Um bereits in der ersten Welle einer Pandemie reagieren zu können, sollte laut Experten eine Impfung mit so genannten »Impfstoffen der zweiten Generation« angestrebt werden, die einen breiteren, gegen mehrere Virusstämme gerichteten Schutz hervorrufen sollen. Hier ist die Entwicklung jedoch noch in den Kinderschuhen.

 

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