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Altenpflege

Migranten wollen nicht unter sich sein

14.02.2012
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Von Sarah Lena Grahn, Berlin / Sie waren Anfang dreißig, als sie ihre Heimat verließen, um in Essen, Frankfurt am Main oder Berlin zu arbeiten. Sie lernten die deutsche Sprache, schlossen Freundschaften mit ihren italienischen Kollegen und feierten Feste mit ihren Nachbarn aus dem ehemaligen Jugoslawien. Heute sind die türkischen Migranten der ersten Generation alt und brauchen Fürsorge, die ihren kulturellen Hintergrund berücksichtigt.

Hurmiye Ulusay hat schon vor vielen Jahren gewusst, dass sie nicht mehr zurückkehren würde in das Land, in dem sie die ersten 27 Jahre ihres Lebens verbracht hat. In das Land, das ihren Kindern und Enkeln eine Heimat ist. »Ich lebe seit 40 Jahren in Deutschland«, sagt sie. »In der Türkei bin ich eine, die aus Almanya kommt. Fremd.« Ihre Geburtsstadt Mugla verließ Ulusay 1971, um in Berlin für eine Reinigungsfirma zu arbeiten.

Bis vor wenigen Jahren machte sie regelmäßig Urlaub in dem Ort in der westtürkischen Provinz. Das geht heute nicht mehr. Nach mehreren Operationen sitzt die 68-Jährige im Rollstuhl, ob sie jemals wieder wird laufen können, ist ungewiss. Im Sommer vergangenen Jahres zog sie daher mit wenigen Möbeln und Erinnerungen in das Internationale Pflegehaus Kreuzberg – das in Deutschland einzige Heim seiner Art für alte und pflegebedürftige Muslime.

 

Gastarbeiter in Rente

 

In dem unauffälligen Siebziger-Jahre-Bau unweit des Tempelhofer Felds leben Senioren aus der Türkei, dem Libanon, Syrien und Marokko. Die meisten von ihnen kamen in den Sechziger und frühen Siebziger Jahren zum Arbeiten nach Deutschland. Anders als der Großteil der ersten Generation von Migranten sind sie geblieben.

 

Zahlen darüber, wie viele Gastarbeiter im Rentenalter wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind, gibt es nicht. Fest steht aber: Deutschlandweit hat jeder elfte Rentner einen Migrationshintergrund. Allein in Berlin lebten nach Angaben der Senatsverwaltung 2010 mehr als 36 000 Zugewanderte, die 65 Jahre oder älter waren. Bis 2020 wird sich ihre Zahl nahezu verdoppelt haben.

 

Ende 2006, als »Türk Bakim Evi« eröffnete, richtete sich das Internationale Pflegehaus Kreuzberg ausschließlich an Rentner aus der Türkei. Doch das Konzept ging nicht auf. Die Nachfrage war zu gering, rund 100 der insgesamt 140 Betten blieben frei. 2010 steuerte der Träger des Heims, die Marseille Kliniken AG, daher um: Unter neuem Namen steht die Einrichtung seitdem auch hilfebedürftigen Menschen aus anderen Herkunftsländern offen. Auch deutsche Senioren sind willkommen.

 

Dennoch liegt der Schwerpunkt der Einrichtung sichtbar auf der Pflege von Muslimen. Es gibt Gebetsräume, die gen Mekka ausgerichtet sind, Zimmer mit Fußwaschbecken, zwei Drittel der 24 Pflegekräfte sind mehrsprachig, gekocht wird deutsch und mediterran: Neben Würstchen und Kartoffelsalat wird gebratenes Gemüse oder Lammkeule geboten. Im Aufenthaltsraum schauen die Bewohner türkisches Fernsehen oder lauschen Arabesken, orientalischen Liedern über unerfüllte Liebe, Leid und Sehnsucht.

 

Sehr lebhaft und emotional

 

Überfüllt ist das Haus nicht, im Gegenteil. Trotz des neuen Konzepts ist nur die Hälfte der Betten belegt. Der Leiter der Einrichtung, Dieter Banken, erklärt die mangelnde Nachfrage mit dem religiösen Hintergrund. »Für viele muslimische Familien ist es eine Schande, ihre Eltern oder Großeltern in ein Heim zu geben.« In den vergangenen Jahren hätten auch immer mal wieder deutsche Senioren versucht, in dem Pflegehaus ein neues Zuhause zu finden – ohne Erfolg. »Deutsche gewöhnen sich nur schwer an das Leben hier«, sagt der Einrichtungsleiter. Es gehe sehr lebhaft und emotional zu. Überhaupt rufe das von der islamischen Kultur geprägte Leben im Heim »Disharmonien« bei den Angehörigen anderer Kulturen hervor.

Hurmiye Ulusay jedoch unterscheidet nicht zwischen der kulturellen Ausrichtung von Altenheimen. Bevor sie in das Kreuzberger Pflegehaus zog, verbrachte sie knapp drei Monate in einer Einrichtung, die nur deutsche Senioren beherbergt. Wo sie Unterschiede sehe? »Das Personal ist hier vielleicht ein bisschen netter«, sagt sie. Andere Vorzüge einer monokulturellen Altenhilfe sieht die 68-Jährige nicht. »Ich freue mich immer über deutschen Kartoffelsalat«, erzählt sie. Mit den anderen Bewohnern spricht sie mal türkisch, mal deutsch, wie es ihr gerade in den Sinn kommt. Nur eines mag Ulusay nicht an ihrem neuen Zuhause: die Bezeichnung Heim. »Ich sage lieber Reha«, lacht sie.

 

Dass Multikulti auch in der Altenpflege möglich ist, zeigt das 1997 vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Duisburg gegründete Seniorenzentrum Haus am Sandberg. Neben Deutschen nimmt es auch Migranten auf. Ähnliche Einrichtungen sind das Seniorenstift St. Marien in Berlin oder das Victor- Gollancz-Haus in Frankfurt am Main.

 

Aus Sicht von Nathalie Wollmann, Referentin für Migrationsarbeit und Interkulturelle Öffnung beim DRK-Landesverband Baden-Württemberg, wächst das Bewusstsein für die besonderen Bedürfnisse von alten Menschen aus anderen Kulturkreisen. »Ich nehme verstärkt wahr, dass Einrichtungen versuchen, auf Wünsche oder bestimmte Gewohnheiten vorbereitet zu sein.« Das Umdenken mache sich durch kleine Veränderungen wie die Erweiterung des Speiseplans bemerkbar: Gekocht werde nicht mehr ausschließlich »deutsch«, Muslimen werde kein Schweinefleisch serviert.

 

Gemischte WGs im Trend

 

Auch Derya Wrobel weiß, dass sich in den vergangenen Jahren viel getan hat auf dem Gebiet der interkulturellen Altenpflege. Sie leitet das im Jahr 2003 vom Sozialverband VdK Berlin-Brandenburg gegründete Projekt IdeM in Berlin-Schöneberg, die bundesweit erste Beratungsstelle für demenzkranke Migranten in Berlin-Schöneberg. Neben ambulanten Pflegediensten wachse heute auch die Zahl interkultureller Wohngemeinschaften mit einem ständigen Betreuungsangebot, sagt Wrobel. »WGs sind bei Älteren sehr im Trend.«

 

Der Grund dafür liege bereits in der Bezeichnung. Wohngemeinschaft werde nicht wortgleich ins Türkische oder Arabische übersetzt; »Beraber oturulan ev« bedeute vielmehr »Gemeinschaftliche Wohnung«. Das sei allein aus psychologischer Sicht von großer Bedeutung. »Man zieht nicht in ein Heim, sondern verlässt seine Wohnung für eine andere Wohnung«, erklärt die VdK-Mitarbeiterin.

 

Wesentlich am Charakter der WGs sei auch, dass dort Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern gemeinsam alt würden, sagt Wrobel. »Die Gastarbeiter der ersten Generation haben sich mit dem Verlassen ihres Heimatlandes für ein multikulturelles Leben entschieden. Sie hatten Kollegen aus Italien, Nachbarn aus dem ehemaligen Jugoslawien.« Viele Migranten der ersten Generation lebten zudem schon länger in Deutschland als in ihrem Geburtsland. »Warum also sollten sie im Alter unter sich bleiben wollen?«, fragt die Projektleiterin.

 

Ausnahme Demenz

 

Eine Ausnahme bildeten jedoch an Demenz erkrankte Senioren. »Die Patienten vergessen, was sie in den zurückliegenden Jahrzehnten erlebt haben.« An diese Stelle träten Erinnerungen an Kindheit und Jugend und damit auch an die zuerst erlernte Sprache. Das erschwere das Zusammenleben in gemischten Wohngruppen.

 

Interkulturelle Pflege betreffe zudem nicht nur Menschen unterschiedlicher Religionen, sagt die Projektleiterin weiter. »Jeder Mensch hat seine eigene Kultur.« Ein Ostfriese freue sich zur Begrüßung über ein »Moin Moin«, ein Bayer über ein »Grüß Gott«. »Wir müssen den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellen, seine Biografie kennen.« Genau darin liegt nach Wrobels Überzeugung ein Schlüssel zu guter Pflege.

 

In Würde altern

 

Diesen Ansatz vertritt auch DRK-Referentin Wollmann. »Gute Pflege fragt immer nach dem einzelnen Menschen, nicht nach seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Glaubensrichtung«, sagt sie. Erst wenn die persönlichen Bedürfnisse eines Bewohners in den Blick genommen und verstanden würden, könne dieser auch in Würde altern.

 

Der Direktor des Institutes für Public Health und Pflegeforschung (ipp) der Universität Bremen, Stefan Görres, geht noch einen Schritt weiter. Eine ebenso große Rolle wie die individuelle Pflege spiele die Kontextbezogenheit. »An erster Stelle sollte immer stehen, den Menschen in seinem gewohnten Lebensumfeld zu belassen«, sagt Görres. Gemeinden und Kommunen seien hier in der Verantwortung, eine Infrastruktur zu schaffen, Familien bei der Pflege zu unterstützen und ein Netz von ambulanten Diensten und Ehrenamtlichen aufzubauen. / 

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