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Mensch und Maschine

Technik, die unter die Haut geht

01.03.2017
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Von Hannelore Gießen, München / Herzschrittmacher halten das Herz im Takt, Hirnschrittmacher lindern Parkinson-Symptome. Hightech unterstützt den Körper, doch Menschen setzen Magnete oder Chips auch ein, um über sich hinauszuwachsen.

Menschen, die ihren Körper mit technischen Elementen verbinden, werden oft als Cyborgs bezeichnet. Der Name ist ein Akronym, abgeleitet vom englischen »cybernetic organism« (kybernetischer Organismus). Cyborgs oder Mensch-Maschine-Kopplungen wurden schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Zukunft des neuen Menschen gepriesen. Fantasien von Mischwesen aus Mensch und Maschine klingen bereits bei Edgar Allen Poe an.

Wegbereiter für die Entwicklung von Mensch-Maschinen-Wesen war jedoch die Popkultur. Seit den Siebziger und Achtziger Jahren präsentieren Cyborgs in Filmen, Spielen und Musik überirdische Fähigkeiten und werden zur Projektionsfläche für Träume und Ängste.

 

Doch was ist ein Cyborg? Ein Brillenträger sicher nicht, ein Mensch mit Cochlea-Implantat vielleicht? Meist wird der Begriff »Cyborg« eingeschränkt auf invasive technische Modifikationen. Dann würde die Insulinpumpe aber ebenso dazu gehören wie der Schrittmacher.

 

Im therapeutischen Kontext sollte der Begriff überhaupt nicht verwendet werden, moniert Bertolt Meyer, Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität Chemnitz. Der Begriff sei generell negativ konnotiert und schaffe eine neue Form von Ausgrenzung, gibt der Wissenschaftler zu bedenken.

 

Bertolt Meyer ist selbst betroffen. Aufgrund einer sehr seltenen Fehlbildung kam er ohne linken Unterarm auf die Welt. Heute trägt er eine hoch entwickelte Prothese, die 24 unterschiedliche Handgriffe ermöglicht. Damit kann er jetzt beispielsweise fotografieren. Seine alte Prothese war nur mit einem Elektromotor ausgestattet, der einen Zangengriff gestattete.

 

Segen oder Fluch

 

Mensch und Maschine rücken zusammen, und damit verändert sich auch schleichend das Bild des Menschen. Technik sei per se weder gut noch schlecht, erläutert Meyer. Es komme auf die Art der Anwendung an. Der technische Fortschritt setze zwei Entwicklungen mit grundlegend unterschiedlichen Zielen in Gang: Die Medizintechnik eröffnet vielen Menschen neue Möglichkeiten. Die Entwicklung bedient jedoch auch den Wunsch der Menschen nach Selbstoptimierung. Sich die Technik, weit über die gesellschaftliche Norm hinaus zunutze zu machen, charakterisiert einen Trend, der als Enhancement oder Transhumanismus bezeichnet wird.

 

Das werfe medizinrechtliche und ethische Fragen auf, macht Meyer deutlich. Noch ist die Technik nicht so weit, doch in einzelnen Bereichen ist eine solche Entwicklung bereits vorstellbar. So lief der südafrikanische Sprinter Oscar Pistorius mit seinen Beinprothesen Spitzenzeiten. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass innerhalb der nächsten Jahrzehnte künstliche Beine natürlichen überlegen sind.

Upgrade des Selbst

 

Weitaus heikler als überlegene künstliche Gliedmaßen wären Manipulationen am Gehirn. Nanoroboter könnten entwickelt werden, die mit Nervenzellen interagieren sowie Signale senden und empfangen können. Sie könnten nicht nur bei geistigen oder psychischen Einschränkungen angewandt werden, sondern auch die Möglichkeiten von gesunden Menschen erweitern. Wollen wir das? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, dass ein Eingriff vorgenommen werden darf? Das müsse in einer gesellschaftlichen Debatte ausgehandelt werden, kommentiert Bertolt Meyer: »Wir müssen die Debatte heute führen, um auf diese Fragen vorbereitet zu sein, wenn die Technik da ist.«

 

Schöner und klüger zu werden, sind uralte menschliche Träume. Doch auch der Wunsch, über mehr als fünf Sinne zu verfügen und mehr zu spüren, kann motivieren, technische Möglichkeiten zu nutzen. So hat sich die amerikanische Journalistin Quinn Norton 2005 einen kleinen Magneten in die Kuppe ihres Ringfingers einsetzen lassen, um elektromagnetische Felder wahrzunehmen. Mittelfristig scheiterte ihr Experiment auf schmerzhafte Weise. Einige Monate nach der Implantierung begann sich der Magnet aufzulösen, die Fingerspitze färbte sich schwarz, und der Magnet musste aufgrund einer Infektion entfernt werden. Doch prinzipiell sind solche Modifikationen möglich, auch wenn wir sie bis vor Kurzem noch in das Reich der Science-Fiction verbannt hätten.

 

Behinderung oder Besonderheit

 

Immer mehr Handicaps können durch den technischen Fortschritt ausgeglichen werden, sodass die Kluft zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen schwindet. Technik durchdringt den Alltag immer stärker und wird zunehmend akzeptiert.

 

Bisher wurde vor allem die Umwelt durch Rampen und Rolltreppen so gestaltet, dass Menschen mit Einschränkungen leichter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Jetzt kann auch der Körper eines Menschen selbst so verändert werden, dass er mehr Funktionen ausüben kann.

 

Die enormen technischen Möglichkeiten haben dazu beigetragen, die Wahrnehmung von Behinderung in der Gesellschaft zu verändern. Das bestätigt auch Bertolt Meyer:

 

»Ich sehe hier erste Anzeichen einer abnehmenden Stigmatisierung. So wurde über die letzten Paralympics deutlich weniger mitleidig berichtet als noch vor einigen Jahren. Ich sehe jedoch auch das Risiko, dass die Technik überbetont wird. Ihr werden unglaub­liche Kräfte und Möglichkeiten zugeschrieben. Hier wünsche ich mir mehr Realismus. Momentan können wir noch nicht einmal einen elektrischen Rollstuhl herstellen, der bei Regen störungsfrei funktioniert.«

 

Derzeit sind Hightech-Prothesen, Cochlea- und Retina-Implantate noch Nischen­produkte, die nur für wenige Menschen interessant sind. Aber in dem Moment, in dem es der ersten ­Firma gelingt, ein Ersatzteil zu ent­wickeln, das besser ist als das natür­liche Körperteil, werde es plötzlich zu einem Massenprodukt, gibt Bertolt Meyer zu bedenken.

 

Wie gehen wir mit wirtschaftlichen Interessen um, wenn die Bionik zum Massenmarkt wird? Wir sollten die Entwicklung nicht dem freien Spiel des Marktes überlassen, mahnt der Wissenschaftler. Es braucht eine breite gesellschaftliche Debatte, die auch die Politik und die Sozialwissenschaften mit einbezieht, lautet das Fazit des Psychologen. /

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