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Neue Option bei Lungenkrebs

04.05.2016
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Von Kerstin A. Gräfe / Mit Necitumumab ist seit April ein neues Medikament zur Behandlung von fortgeschrittenen Stadien eines plattenepithelialen, nicht kleinzelligen Lungenkarzinoms auf dem deutschen Markt. Der Wirkstoff wird in Kombination mit Gemcitabin und Cisplatin bei therapienaiven Patienten eingesetzt, deren Tumor den Wachstumsfaktor EGFR überexprimiert.

Nicht kleinzellige Lungenkarzinome (NSCLC) sind mit etwa 80 Prozent die häufigsten bösartigen Tumoren der Lunge. Hiervon sind etwa 30 Prozent histologisch als Plattenepithelkarzinome einzuordnen. Sie sind charakterisiert durch eine Verhornung und/oder Interzellularbrücken. Patienten mit dieser Tumorart haben eine äußert ungünstige Prognose. Bislang stand für die Betroffenen in der Erstlinie keine ziel­gerichtete Therapie zur Verfügung.

Necitumumab (Portrazza® 800 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Lilly) ist ein monoklonaler Antikörper, der spezifisch und hoch selektiv an den Rezeptor des epidermalen Wachstumsfaktors (EGFR) der Tumorzelle bindet. EGFR kontrolliert normalerweise das Wachstum und die Teilung von Zellen. Bei Krebszellen kann EGFR jedoch überaktiv sein, was dazu führt, dass sich diese Zellen unkontrolliert teilen. Necitumumab bindet an EGFR und blockiert die Liganden­bindungsstelle. Dadurch werden Wachstum und Ausbreitung der Krebszellen verringert.

 

Nachweis der EGFR-Mutation

 

Vor Beginn der Therapie muss eine aktivierende Mutation im EGFR nachgewiesen werden. Portrazza wird zusätzlich zu einer Gemcitabin- und Cisplatin-basierten Chemotherapie für bis zu sechs Behandlungszyklen gegeben. Sofern die Erkrankung stabil bleibt und der Patient die Behandlung verträgt, wird Necitumumab anschließend als Monotherapie weiter­gegeben. Die empfohlene Dosis beträgt 800 mg, die intravenös über 60 Minuten an den Tagen 1 und 8 eines jeden dreiwöchigen Zy­klus verabreicht wird.

 

Während der Necitumumab-Applika­tion muss eine Reanimations-Ausstattung zur Behandlung von schweren infusionsbedingten Reaktionen bereitstehen. Hintergrund ist, dass in Studien schwere Überempfindlichkeitsreaktionen und/oder infusions­bedingte Reaktionen auftraten. Für Patienten, die solche Reaktionen gezeigt haben, wird eine Prämedikation mit einem Corticosteroid, Antipyretikum und Antihistaminikum empfohlen. Zudem wurden während der Infusion starke Hautreaktionen wie akneiformer Ausschlag und Hand-Fuß-Syndrom beobachtet, die eine Dosisanpassung erforderlich machen können. Als Prophylaxe bieten sich topische Steroide und ein orales Antibiotikum wie Doxycyclin an.

Kommentar

Erstmals zielgerichtet

 

Das nicht kleinzellige Lungenkarzinom mit Plattenepithel-Histologie ist ein schwer zu behandelnder Tumor. Die Prognose im fortgeschrittenen oder metastasierten Stadium ist äußerst schlecht. Mit Necitumumab ist nun hierzulande zum ersten Mal eine zielgerichtete Therapie verfügbar. Zum Einsatz kommt sie bei Patienten, deren Tumorzellen den Epidermal Growth Factor Rezeptor (EGFR) überexprimieren. Doch auch unter der Anti­körperbehandlung kann nicht auf eine zusätzliche Chemotherapie verzichtet werden. Unter der Kombina­tionstherapie aus Necitumumab und Gemcitabin/Cisplatin erreichen die Patienten jedoch ein längeres medianes Gesamtüberleben im Vergleich zur Chemotherapie allein. Dieses war mit knapp zwei Monaten allerdings überschaubar prolongiert und wurde im Vergleich zur Chemotherapie allein mit mehr thromboembolischen Ereignissen erkauft. Dennoch ist es ins­gesamt gerechtfertigt, Necitumumab als Schritt­innovation zu bezeichnen.

 

Sven Siebenand

Stellvertretender Chefredakteur

Des Weiteren traten unter der Therapie vermehrt thromboembolische Ereignisse auf. Eine Behandlung sollte daher bei Patienten mit entsprechender Vorgeschichte (Schlaganfall, Herzinfarkt, Embolie) sorgfältig abgewogen werden. Patienten mit multiplen Risikofaktoren für thromboembolische Ereignisse sollten den neuen Antikörper nicht bekommen, es sei denn, die Vorteile überwiegen die Risiken.

 

Magnesium-Spiegel checken

 

Bei rund 80 Prozent der Patienten kam es in den Zulassungsstudien zu einer Abnahme des Magnesium-Serumspiegels, die in knapp 19 Prozent zu einer schweren Hypomagnesiämie führte. Daher sollten vor jeder Necitumumab-Gabe die Serum-Elektrolytwerte inklusive Magnesium, Kalium und Calcium überprüft werden. Pro Dosis enthält Portrazza ferner 244 mg Natrium. Bei Patienten, die eine natriumarme Diät befolgen, muss dies berücksichtigt werden.

 

Necitumumab kann den Fetus schädigen oder zu Entwicklungs-Anomalien führen. Daher sollten gebärfähige Frauen während der Behandlung mit dem Antikörper nicht schwanger werden sowie während und bis zu drei Monate nach der letzten Infusion von Portrazza zuverlässig verhüten. Ärzte dürfen das Präparat bei Schwangeren nur anwenden, wenn der potenzielle Nutzen für die Mutter das potenzielle Risiko für den Fetus rechtfertigt. Während der Therapie sollten Frauen das Stillen abbrechen und auch nach der letzten Gabe mindestens vier Monate lang nicht stillen.

Die Zulassung basiert auf der offenen Phase-III-Studie SQUIRE an 1093 therapienaiven Patienten mit fortgeschrittenem oder metastasiertem Platten­epithelkarzinom der Lunge. Sie erhielten randomisiert entweder Necitumumab (800 mg intravenös an den Tagen 1 und 8 jeweils vor der Gemcitabin-Gabe) in Kombination mit Gemcitabin (1250 mg/m2 intra­venös an den Tagen 1 und 8) und Cis­platin (75 mg/m2 intravenös an Tag 1) oder die alleinige Chemotherapie mit Cis­platin und Gemcitabin. Nach sechs Zyklen wurde die Behandlung mit Necitumumab als Monotherapie bis zur Tumorprogression oder dem Auftreten nicht tolerierbarer Toxizitäten weitergeführt. Als primärer Studien­endpunkt war das Gesamtüberleben definiert. Sekundäre Endpunkte waren unter anderem das progressionsfreie Überleben, die Ansprechrate und die Zeit bis zum Therapiever­sagen.

 

1,7 Monate Lebensgewinn

 

Insgesamt überlebten Patienten unter der Necitumumab 11,7 Monate im Vergleich zu zehn Monaten unter Standardtherapie. Dieser Unterschied im medianen Gesamtüberleben von 1,7 Monaten war statistisch signifikant. Patienten in der Verumgruppe wiesen mit 5,7 Monaten auch ein statistisch signifikant längeres progressionsfreies Überleben auf als Patienten in der Kontrollgruppe (5,5 Monate). Die Zeit bis zum Therapieversagen betrug unter Necitumumab durchschnittlich 4,3 Monate gegenüber 3,6 Monaten unter der alleinigen Chemotherapie. Die objektive Ansprechrate war in beiden Gruppen vergleichbar (31 Prozent in der Verumgruppe, 29 Prozent in der Kon­trollgruppe).

 

Sehr häufige Nebenwirkungen des Antikörpers sind Hautreaktionen, Venen­thrombosen, Erbrechen, Entzündungen der Mundschleimhaut, Fieber, Gewichtsabnahme sowie niedrige Blutspiegel von Magnesium, Calcium und Kalium. Zu den häufigsten schwerwiegenden Nebenwirkungen zählen Hautreaktionen (6,3 Prozent) und venöse thromboembolische Ereignisse (4,3 Prozent). /

 

-> vorläufige Bewertung: Schrittinnovation

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