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Psychologie

Einsamkeit ist ansteckend

08.05.2018
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Von Jennifer Evans / Der Einfluss von Einsamkeit auf Körper und Seele wird unterschätzt, findet Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Im Interview mit der PZ betont er, dass Einsamkeit sogar tödlich sein kann.

PZ: Wie definieren Sie Einsamkeit? In welcher Abhängigkeit steht sie zu sozialer Isolation?

 

Spitzer: Einsamkeit ist das subjektive Erleben und soziale Isolation ist die objektive Tatsache. Beides kann zusammen auftreten. Es gibt Menschen, die kaum Kontakte haben, sich aber nicht einsam fühlen, andere baden dauernd in der Menge und fühlen sich einsam. Einige sind gelegentlich gern allein, zum Beispiel nach einem Arbeitstag mit viel Trubel unter Menschen. Einsam hingegen ist niemand gerne.

PZ: Kann Einsamkeit chronisch werden? Und wie »diagnostiziert« man sie?

 

Spitzer: Einsamkeit ist zunächst ein sinnvolles Gefühl. Sie bewirkt, dass wir uns wieder mehr Mühe geben, auf andere zuzugehen und mit ihnen Kontakt aufnehmen. Wichtig ist, zwischen chronischen und akuten Zuständen zu unterscheiden. Nehmen wir als Beispiel akute und chronische Schmerzen. Akut haben Schmerzen den Sinn, uns zu zeigen, dass irgendwas mit unserem Körper nicht stimmt. Genauso ist es mit Einsamkeit auch. Wenn wir akut vereinsamen, sind wir freundlicher zu anderen, wir gehen mehr aus uns heraus, um dem entgegenzuwirken. Dieses akute Gefühl kann aber auch chronisch werden. Ebenso wie chronische Schmerzen irgendwann selbst zum Problem werden, macht chronische Einsamkeit tendenziell missmutig. Wenn man denkt »die anderen wollen eh nichts von mir« und sich ein dauerhaftes Einsamkeitsgefühl entwickelt, wird Einsamkeit zum Problem.

 

PZ: Schmerzt Einsamkeit und wenn ja, wo tut sie genau weh?

 

Spitzer: Gerade in den letzten Jahren hat sich unser Wissen darüber deutlich verbessert. Im Jahr 2003 zeigte sich erstmals Gehirnaktivität bei subjektiv empfundener Einsamkeit, die genau dort liegt, wo auch das Schmerzzentrum liegt. Das heißt, Einsamkeitsempfindungen sprechen tatsächlich auch auf Schmerzmittel an. Umgekehrt bewirkt das Betrachten des Bildes eines gefühlsmäßig positiv besetzten Partners oder Familienmitglieds Schmerzlinderung.

 

PZ: Sie sagen, Einsamkeit ist ansteckend. Wie meinen Sie das?

 

Spitzer: Einen infektiösen Patienten kann man isolieren, damit er andere nicht ansteckt. Das macht man bei einem einsamen Menschen natürlich nicht. Einsamkeit ist aber ein Gefühl, das auch in Gemeinschaft empfunden werden kann. Sie ist – wie andere Gefühle auch – für Mitmenschen ansteckend. Dies wurde 2009 erstmals anhand von Daten einer großen US-amerikanischen Studie klar. Eigentlich ging es bei der Studie um die Ursachen von Herzinfarkten, aber sie untersuchte auch das Alleinsein und das Erleben von Einsamkeit.

 

PZ: Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

 

Spitzer: Ja, Frauen sind stärker betroffen. Das ist zunächst überraschend, denn sie sind verglichen mit Männern die »sozialeren« Wesen. Aber gerade, weil das so ist, leiden besonders Mädchen und junge Frauen mehr unter Einsamkeit, wenn es in ihrem sozialen Umfeld mal knirscht. Bei älteren Frauen ist meist nicht die Einsamkeit, sondern die soziale Isolation das Problem. Jedoch kann diese wiederum einsam machen.

 

Frauen heiraten hierzulande im Durchschnitt etwa zwei Jahre ältere Männer. Zugleich sterben Männer fünf bis sechs Jahre früher. Am Ende ihres Lebens sind Frauen dann etwa acht Jahre länger sozial isoliert – weil die Männer nicht mehr da sind.

 

PZ: Welche gesundheitlichen Folgen können durch Einsamkeit entstehen?

Spitzer: Die gesundheitlichen Folgen chronischer Einsamkeit brauchen lange, bis sie sich entwickeln. Man weiß aber, dass Einsamkeit ein größerer Risikofaktor für einen frühen Tod sein kann als Übergewicht, Rauchen, Alkoholismus oder Unsportlichkeit. Wenn ich niemanden habe, bei dem ich nachts um drei klingeln und auf dem Sofa schlafen kann, geht es mir nicht gut. Einsamkeit ist eine existenzielle Verunsicherung. Und die löst einen erhöhten Stresshormonspiegel im Blut aus. Wenn dieser Stress über Jahre hinweg existiert, kann er zu Bluthochdruck, Blutzuckerspiegelanstieg, Herz-Kreislaufproblemen oder Schlaganfällen führen und womöglich zu einem frühen Tod. Chronische Einsamkeit zu vermeiden, ist deshalb mindestens so wichtig, wie sich gesund zu ernähren und sich zu bewegen.

 

PZ: Stehen Sie aufgrund Ihrer Erkenntnisse der Telemedizin skeptisch gegenüber?

 

Spitzer: Das kommt darauf an, welches medizinische Problem zu lösen ist. Ich denke, dass vieles in der Medizin dadurch besser werden kann, dass wir uns allgemeine Informationen leichter beschaffen können, dass Spezialisten online zur Verfügung stehen und spezielle Informationen zu einem bestimmten Patienten einfacher zugänglich sind. Dies alles leistet Telemedizin. Aber in vielen Fällen kommt es eben doch auf den ganz persönlichen Kontakt an, um Menschen zu helfen.

 

PZ: Was ist der Wert zwischenmenschlicher Beziehungen?

 

Spitzer: Häufigkeit und Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen nehmen in unserer Zeit ganz allgemein ab. Dies liegt nicht zuletzt an drei großen gesellschaftlichen Trends: Singularisierung, Urbanisierung und Mediatisierung. Die Anzahl der Single-Haushalte in Deutschland hat in den letzten 15 Jahren um mehr als 3 Millionen zugenommen. Es leben weltweit immer mehr Menschen in Städten: 1900 waren es nur 13 Prozent, heute sind es mehr als 50 Prozent. Medien sind wörtlich »das Vermittelnde«. Das heißt, sie sind das genaue Gegenteil von Unmittelbarkeit, durch die Sozialkontakte sich auszeichnen. Daher führt auch die zunehmende Mediatisierung unseres Alltags zu mehr Einsamkeit.

 

PZ: Welche Wege führen aus dem Dilemma?

 

Spitzer: Interessanterweise ziemlich viele. Wichtig ist nach meiner Erfahrung als Psychiater, sich mit Ratschlägen für einsame Menschen zurückzuhalten. Die sind selten eine Hilfe. Nachweislich hilft Betroffenen aber, anderen eine Freude zu machen, das bereitet ihnen selbst noch mehr Freude. Oder ein Ehrenamt anzunehmen, um sich immer wieder für andere einzusetzen. Studien zeigen auch, dass der Aufenthalt in der Natur uns zu freundlicheren, offeneren und sogar hilfsbereiteren Menschen macht. Durch einen Waldspaziergang lässt sich also paradoxerweise auch Einsamkeit bekämpfen.

 

PZ: Kann man immun gegen Einsamkeit werden?

 

Spitzer: Tatsächlich lassen sich vor allem junge Menschen gegen Einsamkeit gewissermaßen immunisieren, beispielsweise mit Musik, Sport, Theater oder Malen. Denn wer Geige oder Fußball spielen kann, wird sein Leben lang leichter Anschluss finden und ist besser vor Einsamkeit gewappnet. Es geht um Tätigkeiten und Fähigkeiten, die schon alleine viel Freude bereiten, aber in Gemeinschaft noch viel mehr. Vor diesem Hintergrund halte ich es für problematisch, dass wir Schulfächer wie Musik, Kunst oder Sport wenig wertschätzen und sogar streichen.

 

PZ: Wie reagiert die Jugend auf Ihre scharfe Ablehnung des digitalen Lebensstils?

 

Spitzer: Ach, ich weiß gar nicht, ob man von einem digitalen Lebensstil sprechen kann. Digitale Informationstechnik kann ja auch ein Werkzeug sein, ohne dass man abhängig ist. Mir schreiben viele junge Leute, dass sie meine Auffassung und meine Ratschläge teilen. Offline und analog sind das neue vegetarisch oder vegan.

 

PZ: Was entgegnen Sie Kritikern, die behaupten, Ihre Thesen seien wissenschaftlich nicht objektiv untermauert?

 

Spitzer: Ich sage ihnen, dass sie falsch liegen. Es gibt unglaublich viel Hype und heiße Luft. In meinen Büchern dagegen gibt es Quellenangaben. Und das ist der Unterschied.

 

PZ: Blicken Sie pessimistisch auf die gesellschaftliche Entwicklung?

 

Spitzer: Ich bin heute wesentlich optimistischer als noch vor einigen Jahren. Apple-Chef Tim Cook sagte erst kürzlich, dass Tablets nichts für seinen Neffen in der Schule seien und Microsoft-Gründer Bill Gates hat seinen Kindern erst ab einem Alter von 14 Jahren Smartphones gegeben. Der französische Präsident Emmanuel Macron wird ab September 2018 Smartphones an Frankreichs Schulen verbieten und in Süd-Korea – dem Land mit der weltweit größten Smartphone-Produktion – gibt es bereits entsprechende Jugendschutz-Gesetze.

 

PZ: Hilft Ihrer Ansicht nach eine Ministerin gegen Einsamkeit, wie es Großbritannien mit Tracey Crouch vormacht?

 

Spitzer: Da bin ich eher skeptisch: Einsamkeit ist subjektives Erleben und da sollten sich Ministerien raushalten. Man kann natürlich vermehrt auf die Problematik von sozialer Isolation und Einsamkeit hinweisen und dafür sorgen, dass statt Altersheimen und Kindergärten Mehrgenerationenhäuser gebaut werden. So betoniert man nicht die Trennung der Generationen, sondern deren Gemeinschaft. /

 

Manfred Spitzer: Einsamkeit.

Die unerkannte Krankheit.

Droemer HC 2018. ISBN: 978-3-426-27676-1,

EUR 19,99

In einer Hamburger U-Bahnstation: Einfach mal zuhören

Von Daniela Hüttemann / Christoph Busch hat sein Büro in einem Glaskasten auf dem Bahnsteig der U-Bahn-Station Emilienstraße im beliebten Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. »Das Ohr« nennt er sich und den ehemaligen Kiosk.

 

Dort bietet er allen Vorbeikommenden an, sich zu ihm zu setzen und etwas zu erzählen – egal was. Auf der einen Seite sammelt der Drehbuchautor so seit Januar Geschichten für ein »erzählendes Sachbuch«, wie er sagt. Auf der anderen Seite will er den Menschen helfen, auch wenn er selbst kein ausgebildeter Therapeut oder Coach ist: »Ich höre glückliche und unglückliche Geschichten, es kommen aber wesentlich mehr Menschen, die über Unglück berichten«, so Busch. Er hört ihnen einfach zu, stellt Fragen, teilt die Gefühle und gibt auch mal einen Ratschlag – »aus Lebenserfahrung«, so der 71-Jährige. »Ich bin wie ein fremder Freund für kurze Dauer.« Die Menschen, die zu ihm kommen, sind nicht unbedingt einsam – »aber sie reden mit mir über Dinge, über die sie mit ihren Freunden oder ihrer Familie nicht sprechen wollen oder können«, erzählt Busch. »Da kommt oft alles raus, es wird gelacht und geweint.« Einige kommen wieder zu ihm. Manchmal bittet er auch um eine Rückmeldung, wie es dem anderen mittlerweile geht. Auch wenn er nicht immer helfen kann: »Was mich tröstet ist, dass es vielen gut tut, dass ihnen einfach mal zugehört wird.« Im Alltag sprechen die meisten Leute in ihrem Umfeld eher über aktuelle Dinge, während grundsätzliche Fragen häufig nicht mehr thematisiert werden, sagt Busch. Er meint, viele trauten sich heute gar nicht mehr, ein echtes Gespräch zu führen.

 

»Miteinander reden bedeutet, dass man vorher nicht weiß, wie es ausgeht«, so der Autor. Bei ihm sei das anders – manche Leute kommen vorbereitet zu einem Gespräch mit ihm und wollen ihr ganzes Leben wiedergeben, andere kommen spontan und meinen, eigentlich gar nichts erzählen zu können, aber das stimme nie, schmunzelt Busch. »Die Leute wundern sich oft selbst, was sie alles zu erzählen haben. Ich versuche dann herauszuhören, was am wichtigsten ist und gehe darauf ein.«

 

Wer Christoph Busch etwas aus seinem Leben erzählen will, kann per  E-Mail mit ihm in Kontakt treten: [email protected] Mittlerweile kommen Menschen aus ganz Hamburg und dem Umland zu ihm. Hängt eine rote Fahne am Kiosk, ist »Das Ohr« geöffnet. Wie lange er sein Projekt weiterführen wird, ist noch nicht klar. Er freut sich über Spenden, auch um die Miete zu finanzieren, auf das Patenschaftskonto DE 0750 0333 0091 0045 3163.»Das Ohr« Christoph Busch

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