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Apothekenketten

Für Senioren nicht geeignet

19.06.2007
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Apothekenketten

Für Senioren nicht geeignet

Von Daniel Rücker, Köln

 

Es gibt nicht wenige Ökonomen, die das Fremd- und Mehrbesitzverbot für überholt halten. Der Wettbewerb in einem liberalisierten Markt garantiere eine bessere Arzneimittelversorgung, behaupten sie. Eine Studie vom Kölner Institut für Handelsforschung (IfH) kommt jetzt allerdings zu einem völlig anderen Resultat.

 

Das Fazit der Studie ist für Apothekenketten wenig schmeichelhaft: In Kettenapotheken würden vor allem die Senioren schlechter versorgt. Ältere Menschen seien auf sehr vielfältige individuelle Dienstleistungen durch eine nahe gelegene Apotheke angewiesen, sagte Dr. Markus Preißner, Bereichsleiter Arzneimitteldistribution am IfH, bei der Präsentation der Studie in Köln.

 

Senioren nehmen häufig zahlreiche verschiedene Medikamente ein. Die Rezepte dafür stammen von unterschiedlichen Ärzten. Die Apotheker seien bei diesen Patienten die zentrale Kontrollinstanz, sagte Preißner. Zudem sind ältere Menschen stärker als junge auf eine detaillierte pharmazeutische Beratung angewiesen. Der Beipackzettel oder die Internetseite könnten dieser Gruppe das persönliche Beratungsgespräch nicht ersetzen. Deshalb seien Versandapotheken keine angemessene Alternative zur inhabergeführten öffentlichen Apotheke.

 

Preißner glaubt auch nicht, dass die Filialen von Apothekenketten diese Funktion angemessen wahrnehmen können und wollen. Ketten seien nur dann erfolgreich, wenn sie ein einheitliches Angebot an Produkten und Dienstleistungen vorhalten können. Die individuelle Versorgung jedes einzelnen Patienten sei hier nicht vorgesehen. Das sieht auch IfH-Geschäftsführer Dr. Andreas Kaapke so: »Apothekenketten bedeuten Homogenität der Angebote und Entindividualisierung.«

 

Die Qualität und die Struktur der Versorgung würde sich mit der Zulassung von Apothekenketten dramatisch verändern, ist sich Kaapke sicher. Innerhalb weniger Jahre hätten die Apothekenketten die meisten inhabergeführten Apotheken verdrängt. Bei dieser Prognose schaut Kaapke weniger auf die Erfahrungen anderer Länder, sondern berücksichtigt spezifische deutsche Faktoren. In Deutschland gebe es in den meisten Branchen nur noch wenige mittelständische Einzelhandelsgeschäfte. Offensichtlich seien die Deutschen sehr empfänglich für uniforme Filialen. Zudem gebe es in Deutschland, im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern keine Marktzugangsbeschränkungen für Apotheken.

 

Engpässe auf dem Land

 

Die Konsequenzen dieser Entwicklung wären für Kranke und Senioren fatal. Die Apothekenverteilung würde sich ähnlich wie in allen anderen Branchen entwickeln: In den Großstädten gibt es weiterhin eine ausreichende Versorgung mit einer Konzentration in den guten Citylagen. Die Menschen auf dem Land und in kleineren Städten müssten dagegen bald Abschied von der Apotheke vor Ort nehmen. Ein Blick in fast alle anderen Branchen zeige, dass Kapitalgesellschaften keine Filialen in wenig besiedelten Regionen eröffnen. Zudem gingen sie, im Gegensatz zur Individualapotheke, nicht auf Einzelbedürfnisse ein. Der Filialbetreiber habe eher kurz- oder mittelfristige Ziele, wie das Erreichen der vorgegebenen Rendite. Dagegen habe ein Kleinunternehmer stärker das Ziel, Kunden langfristig an sich zu binden. Deshalb gehe er in der Regel auch stärker auf ihre Wünsche ein.

 

Dabei ist gerade in diesen Gebieten der Anteil der Senioren, die auf eine ortsnahe Versorgung angewiesen sind, besonders hoch. So zeigen die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern bis 2050, dass die generell deutliche Zunahme von Senioren in ländlichen Gebieten besonders stark ausfallen wird.

 

Stellt sich die Frage, warum die Befürworter des Fremdbesitzes diese Tatsachen nicht berücksichtigen. Preißner kennt zumindest einen Teil der Antworten. Zum einen sind diese Menschen in der Regel weder über 70 noch chronisch Krank. Sie sind auf viele Leistungen der Apotheke nicht angewiesen. Daraus ergibt sich der zweite, noch wichtigere Grund: Die Komplexität der Arbeit in der Apotheke ist ihnen unbekannt. Sie ahnen nicht einmal wie facettenreich die Funktionen der Apotheke sind. Die IfH-Studie widmet sich aus diesem Grund der Bestandsaufnahme sehr detailliert. Rund 150 der insgesamt 330 Seiten der Untersuchung widmen sich den Aufgaben der Apotheke, die Preißner in die drei Felder Handel, Herstellung sowie Prüfung, Beratung und Betreuung einteilt.

 

Zudem beurteilten Politiker und Ökonomen die Arzneimittelversorgung oft allein nach der Effizienz. Als Auswirkung des permanenten Finanzdruckes stehe allein die Wirtschaftlichkeit des Mitteleinsatzes im Fokus des Interesses. Preißner und Kaapke halten dies für einen fundamentalen Fehler. Bei der Gesamtbetrachtung komme es viel stärker auf die Effektivität an. Es dürfe nicht nur darum gehen, wie kostengünstig eine Therapie oder ein Arzneimittel sei. An erster Stelle müsse die Frage stehen, ob das Richtige getan werde. Und hier kommt die IfH-Studie, die ihren Schwerpunkt klar auf die Arzneimittelversorgung einer alternden Gesellschaft gelegt hat, zu dem eindeutigen Schluss, dass die Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes von Apotheken keinesfalls effizient sei.

 

Der Vorsitzende des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis, sieht die Aussagen der Studie deshalb auch als klares Plädoyer für die Individualapotheke: »Mit Blick auf die signifikanten demografischen Veränderungen wird die Bedeutung der öffentlichen Apotheken weiter zunehmen.« Für die Apotheker sei es eine wichtige Zukunftsaufgabe, die öffentliche Apotheke noch stärker als bisher auf die Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft abzustimmen.

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