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Risikostrukturausgleich

Den Tod berücksichtigen

21.08.2012
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Von Ev Tebroke / Das Bundesversicherungsamt will den Finanzausgleich der Krankenkassen neu regeln. Zukünftig soll auch im Fall von verstorbenen Mitgliedern die Höhe der Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds präziser errechnet werden. Eine Verzerrung bei der Berechnung für alle Versicherten soll es dann nicht mehr geben.

Die Höhe des Preises, den ein Hotelgast zahlt, richtet sich in der Regel nach der Anzahl der gebuchten Tage. Die Höhe der Zahlungen, die die Kassen aus dem Gesundheitsfonds erhalten, richtet sich jeweils nach den Kosten, die ein Kassenmitglied jährlich verursacht hat. Dazu werden die durchschnittlichen Aufwendungen für einen Versicherten durch 365 Tage geteilt. Die so errechnete Summe wird für dieses Mitglied pro Tag aus dem Fonds zugewiesen. Das sollte passen, denkt man. Doch bei Mitgliedern, die verstorben sind, hinkt das Berechnungsprinzip. Das Bundesversicherungsamt (BVA) will dies nun ändern. Nicht alle Krankenkassen unterstützen den Vorstoß.

 

Große Deckungslücken

 

Jährlich werden im Zuge des Finanzausgleichs rund 190 Milliarden Euro im Gesundheitsfonds an die 145 Kassen verteilt. Der sogenannte morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA), der 2009 gleichzeitig mit der Einrichtung des Fonds in Kraft trat, soll dabei für faire Voraussetzungen im Kassenwettbewerb sorgen. Laut BVA führt das Berechnungsprinzip jedoch nach wie vor dazu, dass es bei Kassen mit sehr alten oder schwerkranken Versicherten zu großen Deckungslücken kommt (Unterdeckungen). So bestehe bei einem 80-jährigen Mann durchschnittlich ein Minus von über 300 Euro im Jahr und bei einem Versicherten mit Lungenmetastasen sogar von über 7000 Euro. Bei jungen und gesunden Versicherten hingegen gäbe es Überdeckungen.

Bislang werden die durchschnittlichen Ausgaben je Versicherten aufs Jahr ermittelt und taggenau zugewiesen. Das heißt: Die Kasse erhält für jeden Tag, den jemand bei ihr versichert ist, eine Zuwendung in Höhe des durchschnittlichen Kostenaufwands, den das Mitglied verursacht. Bei Personen, die kein volles Jahr versichert sind (Neugeborene, Ein- und Auswanderer oder PKV-Wechsler), werden die Ausgaben aufs Jahr hochgerechnet und dann durch 365 Tage geteilt (Annualisierung). Bei Verstorbenen hingegen werden nur die Kalendertage zugrunde gelegt, ohne Annualisierung. Für viele Kassen bedeutet dies eine Verzerrung der Zuweisungen.

 

Verzerrungen beseitigen

 

Zur Verdeutlichung gibt die BVA folgendes Beispiel: Ein Versicherter stirbt in einem Schaltjahr nach 183 Tagen. Bisher hat er Ausgaben in Höhe von 1830 Euro verursacht. Teilt man die Summe durch 366 Tage, ergäbe dies eine tägliche Ausgleichszahlung von fünf Euro, die 183 Tage lang gezahlt wird. Die Kasse bekommt so eine Summe von 915 Euro, obwohl die Kosten doppelt so hoch waren. Bei der neuen Pro-Tag-Berechnung hingegen würden die 1830 Euro durch die 183 Tage geteilt. Das Ergebnis wären zehn Euro pro Tag, die Kosten würden gedeckt. »Mit dem Vorschlag werden die bestehenden Verzerrungen beseitigt«, sagt Tobias Schmidt, Pressesprecher des BVA.

 

Sollte sich das BVA durchsetzen, hätte das weitreichende Umverteilungen der Zuweisungen zur Folge. Vor allem die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) würde profitieren, da sie viele ältere Mitglieder haben: Laut Analysen des Dienstleisters Bitmarck Service könnten die AOK mit über 370 Millionen Euro mehr rechnen. »Bei den geplanten Korrekturen geht es um die Behebung eines Rechenfehlers«, sagt AOK-Sprecher Udo Barske. »Sollte die Korrektur politisch blockiert werden, ginge das zulasten der Versorgung schwer kranker und älterer Patienten.« Die Betriebskrankenkassen hingegen befürchten eine finanzielle Benachteiligung. »Für das BKK-System würden sich die jährlichen Zuweisungen um 133 Millionen Euro verringern«, kritisiert Heinz Kaltenbach, Geschäftsführer des BKK Bundesverbandes. Einzelne BKK seien mit bis zu 30 Euro pro Versicherten betroffen.

 

Nach Aussagen von BVA-Sprecher Schmidt haben die Kassen noch bis zum 27. August Zeit, ihre Statements abzugeben. Nach eingehender Beratung werden das BVA und sein wissenschaftlicher Beirat am 30. August den endgültigen Beschluss bekannt geben. Dieser tritt ab Januar 2013 in Kraft. /

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