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Arzneimittelrückstände

EU will Gewässer schützen

21.08.2012
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Von Anna Hohle / 33 Substanzen stehen derzeit auf einer Schadstoffliste des Europäischen Parlaments. Für sie gelten strenge Obergrenzen in Gewässern. Nun sollen erstmals drei Arzneistoffe dazukommen.

Um den Gewässerschutz europaweit zu regeln, hat das EU-Parlament im Jahr 2000 die Europäische Wasserrahmenrichtlinie erlassen. Sie umfasst eine Liste sogenannter prioritärer Stoffe, für die seitdem vorgeschriebene Höchstgrenzen in Gewässern gelten. Anfang des Jahres schlug die Europäische Kommission nun fünfzehn neue Chemikalien zur Aufnahme in diese Liste vor. Das erweiterte Verzeichnis soll bis Ende des Jahres verabschiedet werden. Dann sind alle Mitgliedstaaten gehalten, die Ziele bis 2021 umsetzen.

 

Hormone und Schmerzmittel

 

Unter den Kandidaten sind erstmals auch drei pharmakologische Wirkstoffe: die Hormone 17α-Ethinylestradiol (EE2) und 17β-Estradiol (E2), die vor allem in Verhütungsmitteln Verwendung finden, sowie das Schmerzmittel Diclofenac.

Alle drei Substanzen stehen schon länger unter Verdacht, Organismen in Flüssen und stehenden Gewässern erheblich zu gefährden. So verändern Estrogene etwa die Geschlechtsorgane männlicher Fische und bremsen ihre Spermienproduktion. Diclofenac dagegen kann die Nieren der Tiere schädigen. Beides führt bei einigen Fischen zum Rückgang der Population. Bedroht sind auch andere Tierarten, die sich von den betroffenen Fischen ernähren (lesen Sie dazu auch Arzneimittelrückstände: Wie belastet ist unser Wasser? PZ 49/2011).

 

»Wir begrüßen es sehr, dass diese drei Substanzen nun reguliert werden sollen«, sagte Christiane Heiß, Wasserexpertin beim Umweltbundesamt (UBA), der Pharmazeutischen Zeitung. »Diese Stoffe schädigen die Gewässer­ökologie. Mit der Aufnahme in die EU-Richtlinie könnten wir Flüsse und Seen nun systematischer untersuchen und herausfinden, wo und wie es zu dieser kritischen Konzentration kommt«, so Heiß.

 

Rückstände der drei Substanzen, aber auch anderer häufig verwendeter Arzneimittel wie Antibiotika und Antihypertonika sind inzwischen in vielen europäischen Gewässern zu finden. Beim UBA vermutet man die Ursache vor allem in den Ausscheidungen von Konsumenten und der fehlerhaften Entsorgung alter Medikamente, etwa über die Toilette. Laut einer Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung gießen 43 Prozent der Deutschen gelegentlich flüssige Arzneimittel in Toilette oder Waschbecken, 16 Prozent entsorgen auch Tabletten auf diese Weise. »Die kommunalen Kläranlagen filtern Pharmazeutika nicht aus dem Abwasser«, so Heiß. »So landen viele Stoffe in den Oberflächengewässern, also Flüssen, Bächen und Seen.«

 

Auch über Landwirtschaftsbetriebe gelangen die Substanzen laut UBA in die Umwelt. E2 etwa werde in der intensiven Tierhaltung eingesetzt. Über die Gülle der Tiere verbreite sich der Wirkstoff in Böden und Gewässern. Detaillierte Studien hierzu gebe es für Deutschland jedoch bislang nicht, auch nicht zur Wirkstoffkonzentration in den Abwässern der Pharmahersteller. Dies könnte sich ändern, wenn die drei Stoffe nun unter die Wasserrahmenrichtlinie fallen. »Dann könnten Gewässer in der Nähe von Betrieben verstärkt auf diese Stoffe überprüft und Ursachenforschung betrieben werden«, so Heiß.

 

Pflichtbewusste Entsorgung

 

Bis dahin gelte es insbesondere, die falsche Entsorgung durch Verbraucher zu verhindern. »Wir würden uns wünschen, dass Patienten einen verantwortungsvollen Umgang mit Medikamenten lernen«, sagte Heiß. Vor allem müsse sich herumsprechen, dass Arzneimittel niemals über die Toilette oder das Waschbecken entsorgt werden dürfen.

 

Und wohin mit abgelaufenen Medikamenten? Seit einer Änderung der Verpackungsverordnung 2009 können Apotheken Altarzneien nicht mehr kostenlos von einer Recyclingfirma abholen lassen. Viele, aber nicht alle Apotheken nehmen abgelaufene Medikamente dennoch zurück und entsorgen sie auf eigene Kosten (lesen Sie dazu auch Altmedikamente: Wohin mit dem Müll? PZ 17/2011). Sie sind dazu jedoch nicht gesetzlich verpflichtet. Die Bundesregierung empfahl 2011, Arzneimittel mit dem Hausmüll zu entsorgen. Er wird in vielen Kommunen verbrannt und landet so zumeist nicht auf Mülldeponien. Beim UBA ist man von dieser Idee nur mäßig begeistert. »Die beste Variante wäre ein Rücknahmesystem, wie es für andere gefährliche Produkte bereits existiert«, sagte Heiß dazu.

 

Die sichere Entsorgung von Medikamenten gestaltet sich jedoch schwieriger als etwa die von Batterien. Sowohl im Hausmüll als auch in Sammelstellen besteht stets die Gefahr von Vergiftungen und Missbrauch. Die UBA-Mitarbeiter rechnen aufgrund dieser Bedenken in naher Zukunft nicht mit einer einheitlichen Rücknahmeregelung.

 

Stattdessen hoffen die Umweltexperten, dass in den nächsten Jahren weitere Arzneistoffe durch das Wasserrecht reguliert werden. »Den drei jetzt vorgeschlagenen Substanzen könnten bald weitere folgen – etwa Ibuprofen oder das Antiepilektikum Carbamazepin«, sagte Heiß. Beide Stoffe haben ebenfalls ein Gefährdungspotenzial bei zu hohen Konzentrationen in Gewässern.

 

Daneben entwickeln Technologen immer bessere Filtersysteme für die kommunalen Kläranlagen. »Die Forschung hat hier viele technische Probleme bereits gelöst«, erklärte Heiß. Moderne Hightech-Anlagen arbeiten etwa mit UV-Lampen, Ozon und Aktivkohle. Sie können viele Spurenstoffe herausfiltern, die bislang in Flüsse und Seen gelangten. Darüber hinaus forschen Studenten der Universität Bielefeld zurzeit an einem biologischen Filter, der Estrogene mithilfe von Enzymen aus Abwässern entfernen soll. Christiane Heiß ist zuversichtlich, dass neue, modernere Filtersysteme in den kommenden zehn Jahren zumindest in den Ballungsräumen eingesetzt werden. Noch scheuten allerdings viele Kommunen die Zusatzkosten für die Aufrüstung. / 

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