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Reden wir darüber

05.09.2018
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Von Daniela Hüttemann / David Sieveking ist Autor, Dokumentarfilmer und mittlerweile dreifacher Vater. In seinem neuesten Buch und Film mit dem plakativen Titel »Eingeimpft« setzt er sich als medizinischer Laie mit dem Impfen auseinander und hat eine neue Debatte um dieses emotional besetzte Thema angestoßen.

PZ: Herr Sieveking, Sie selbst sagen, bevor Sie sich wegen Ihrer Kinder intensiv mit dem Thema Impfen beschäftigt haben, waren Sie ein »unreflektierter Impfbefürworter«. Wie würden Sie sich mittlerweile bezeichnen?

Sieveking: Immer noch als Impfbefürworter, aber als differenzierter. Das Problem ist, dass man entweder als totaler Gegner oder Befürworter abgestempelt wird. Das Thema polarisiert so stark, dass man einander überhaupt nicht zuhört, und die offiziellen Stellen reagieren bei Kritik allergisch.

 

PZ: Zum Beispiel?

 

Sieveking: Meiner Erfahrung nach wird zu wenig über potenzielle Nebenwirkungen aufgeklärt, auch wenn sie selten sein mögen. Man bekommt nicht einmal eine Packungsbeilage. In der Schwangerschaft oder vor einer Operation wird jedes kleinste Risiko angesprochen, vor dem Impfen aber meist nicht. Warum bekommt nicht jeder eine Woche vor der Impfung die Packungsbeilage, um sie sich in Ruhe durchzulesen und dann mit seinem Arzt darüber zu sprechen?

 

PZ: Dort ist aus haftungsrechtlichen Gründen alles abgedruckt, was theoretisch passieren kann. Das verunsichert viele Menschen.

 

Sieveking: Aber gerade dann wäre es doch besser, wenn die Leute mit ihrem Arzt darüber reden können, als wenn man selber im Internet recherchiert oder ein Bekannter einen Videolink mit einem Kind schickt, das angeblich einen schweren Impfschaden hat. Das hinterlässt völlig schräge Vorstellungen. Impfkritiker sind ja oft gut ausgebildete Eltern in urbanen Zentren. Wenn sie vom Arzt nicht genügend aufgeklärt werden, suchen sie sich andere Informationsquellen. In der Debatte wird immer auf diesen Eltern rumgehackt, dabei sind gerade sie es, die überdurchschnittlich gut auf die Gesundheit ihrer Kinder achten. Viele wollen ja auch grundsätzlich impfen lassen, aber ihre Bedenken werden nicht ernst genommen oder missverstanden.

 

PZ: Sie haben sich nun zwei Jahre lang intensiv mit dem Thema beschäftigt. Diesen Aufwand können andere Eltern kaum betreiben. Was würden Sie denen raten?

 

Sieveking: Das Problem ist, dass viele Eltern glauben, sich mal eben gut informieren zu können. Doch man ist in der Tat schnell überfordert und bekommt oft nur einseitige Informationen. Da landet man eher bei windigen Verschwörungstheorien, da man an die Fachliteratur gar nicht herankommt und sie auch nicht verstehen würde. Wenn man nicht wirklich tief in die Materie eintauchen will oder kann, sollte man sich an die offiziellen Empfehlungen und den Rat des Arztes halten.

 

PZ: Sollte man das nicht grundsätzlich? Die unabhängigen Experten der Ständigen Impfkommission stützen ihre Empfehlungen schließlich auf eine breite Datenlage nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung.

Sieveking: Man soll den offiziellen Impfkalender ja nicht ignorieren, aber Abweichungen sind durchaus möglich. Da sollten die Lebensumstände des Kindes meiner Meinung nach stärker berücksichtigt werden. Ab wann kommt es mit anderen Kindern in Kontakt? Hat es ältere Geschwister? Wie ist sein aktueller Gesundheitszustand? Gab es in der Familie Impfkomplikationen? Mir ist wichtig, dass die Leute ihre Entscheidung mit fundierten Informationen und guten Mutes fällen und man sich nicht einer Vorschrift beugt.

 

PZ: Es handelt sich ja tatsächlich um Empfehlungen, nicht um eine Impfpflicht. Wie sind Ihre Kinder mittler­weile geimpft?

 

Sieveking: Die beiden Größeren sind gegen Diphtherie, Tetanus und Polio (DTP) sowie Mumps, Masern und Röteln (MMR) geimpft. Bei unserem zweiten Kind haben wird deutlich früher angefangen als bei unserer ersten Tochter. Dabei war uns wichtig, dass einen Monat nach dem letzten Totimpfstoff noch ein Lebendimpfstoff, quasi als Immunbooster gegeben wird. Das wird im Prinzip im offiziellen Impfkalender auch so gemacht.

 

PZ: Sie berufen sich dabei auf die Arbeiten des dänischen Anthropologen Dr. Peter Aaby, der die unspezifischen Wirkungen von Impfungen erforscht. Seine Daten zeigen, dass in Entwicklungsländern die Kindersterblichkeit nach Lebendimpfungen stärker sinkt, als durch den alleinigen Schutz vor einer bestimmten Erkrankung zu erwarten wäre, während sie nach Totimpfstoffen tendenziell steigt (lesen Sie dazu auch Unspezifische Impfeffekte: Training für das Immunsystem).

 

Sieveking: Diese positiven unspezifischen Wirkungen von Lebendimpfstoffen hat die WHO mittlerweile anerkannt, die negativen unspezifischen Effekte der Totimpfstoffe dagegen nicht. Wahrscheinlich hängt es mit den Adjuvanzien zusammen, die nur in Totimpfstoffen benötigt werden und offenbar dazu führen, dass Geimpfte insgesamt krankheitsanfälliger werden. Es hat sich gezeigt, dass die Kinder, die gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten geimpft wurden, zwar gegen diese Krankheiten geschützt waren, aber eine höhere Wahrscheinlichkeit hatten, an Malaria, Durchfallerkrankungen oder einer Lungenentzündung zu sterben. Ich würde mir einfach wünschen, dass das genauer untersucht wird, insbesondere wenn so viele Totimpfstoffe wie in unserem Impfkalender im ersten Lebensjahr verabreicht werden.

 

PZ: Dieselben Behörden, die Impfstoffe zulassen, sind auch mit der Überwachung betraut. Sie sehen hier einen Interessenkonflikt. Haben Sie noch Vertrauen in die Zulassungs- und Aufsichtsbehörden?

 

Sieveking: Grundsätzlich ja. Mein Eindruck war nur, dass man dort über negative Forschungsergebnisse gar nicht sprechen will. Es wird wohl viel intern diskutiert, aber offiziell will man keine Debatte anstoßen, damit sich keine impfkritischen Inhalte verbreiten. Ich glaube aber nicht, dass dort mit Vorsatz oder aus Korruption gehandelt wird.

 

PZ: Glauben Sie, dass sich etwas ändern wird?

 

Sieveking: Da habe ich große Hoffnung. Es tut sich so viel in der Medizin und auch in der Impfstoffentwicklung, wobei die Hersteller derzeit eher auf Totimpfstoffe setzen, soweit ich weiß. Ich glaube, dass durch Big Data die Langzeitbeobachtung der Folgen einer Impfung, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne, besser werden wird. Es sollte nicht nur geprüft werden, ob die Impfung gegen die spezifische Erkrankung schützt, gegen die sie entwickelt wurde, sondern immer die gesamte Gesundheit in den Blick genommen werden. /

Worum geht es?

Einem breiteren Publikum wurde David Sieveking (geb. 1977) bekannt durch den Dokumentarfilm »Vergiss mein nicht«, in dem er die letzten Lebensjahre seiner Alzheimer-kranken Mutter filmisch begleitet. Auch in »Eingeimpft« geht es um seine Familie und die Entscheidung, ob, wann und wogegen Sieveking und seine Lebensgefährtin ihr erstes Kind impfen lassen wollen. Der Autor spricht im Rahmen seiner Recherche unter anderem mit Vertretern des Robert-Koch- und Paul-Ehrlich-Instituts, des Pharmaunternehmens Sanofi sowie einigen Ärzten und Forschern. Thematisiert wird auch der große Berliner Masernausbruch im Jahr 2015.

 

Sieveking betont zwar, dass es sich bei »Eingeimpft« nicht um ein wissenschaftliches Werk handele, sondern um eine autobiografische Erzählung. Es sei kein Film über das Impfen an sich, sondern über eine Impfentscheidung. Kritiker in den Medien schreiben jedoch, dass Buch und Film eher unnötige Zweifel säen könnten statt zu helfen. Gegenüber der PZ sagte der Autor, dass sein Film sowohl Gegner als auch Befürworter des Impfens ansprechen soll, um die eigene Position zu hinterfragen und gegenseitig mehr Verständnis zu entwickeln.

 

David Sieveking: Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen, Herder-Verlag 2018, ISBN 978-3451329746, EUR 22.

 

Kinostart des Films: 13. September 2018

 

Entscheidungshilfe zum Impfen der BZgA:

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