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Pharmaziegeschichte

Arzneimittel von beiden Seiten des Atlantiks

02.10.2007
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Pharmaziegeschichte

Arzneimittel von beiden Seiten des Atlantiks

Von Axel Helmstädter, Sevilla

 

In einer Klosterbibliothek in Sevilla plante Christoph Kolumbus seine Reisen und schuf die Grundlagen für die Begegnung der Alten mit der Neuen Welt. Mit den pharmazeutisch-medizinischen Wechselwirkungen beider Welten beschäftigte sich der 38. Internationale Kongress für Geschichte der Pharmazie.

 

Wegen Kolumbus´ Exkursionen entwickelte sich die spanische Hafenstadt Sevilla zum Umschlagplatz für damals exotische Waren und Güter. Ebenso aber wechselten kulturelle Errungenschaften, Wissen und Erfahrungen über die Ozeane. Auch Drogen aus Übersee bereicherten den heimischen Arzneischatz und europäische Medizin gelangte in die Kolonien.

 

Erste Informationen über die Flora der Neuen Welt enthalten bereits die Tagebücher von Christoph Kolumbus sowie einige frühe ethnobotanische Beschreibungen anderer Autoren wie diejenige des Gonzalo Fernández de Oviedo, der ab 1514 vierzehn Überfahrten nach Amerika wagte. Mitte des 16. Jahrhunderts waren, wie Professor Dr. José Louis Valverde, Granada, ausführte, bereits mehr als hundert Arzneipflanzen und Gewürze samt ihrer lokalen Verwendung bekannt. Zu ihnen gehören bedeutende Spezies wie Theobroma cacao, Erythroxylon coca, Zingiber officinalis oder Nicotiana tabacum. Sevilla erwies sich dabei als Umschlagplatz für Waren und Wissen, die wichtigsten historischen Quellen werden bis heute im dortigen »Archivo de Indias« aufbewahrt. Erhalten geblieben sind auch die Ergebnisse systematischer Erhebungen der Kolonialverwaltungen, die unter anderem medizinische und ethnobotanische Aspekte behandeln. Zunächst fanden allerdings nur wenige Drogen aus der Neuen Welt Eingang in den europäischen Arzneischatz. Im 16. Jahrhundert war vorrangig das als Syphilis-Therapeutikum geschätzte Guajakholz offizinell. Die 1592, also hundert Jahre nach der Überfahrt Kolumbus´, erschienene Ausgabe des Arzneibuchs von Valerius Cordus nennt schließlich sechs, die Ausgabe 1666 13 Drogen und Zubereitungen aus Übersee. Die erste gesamtdeutsche Pharmakopöe von 1872 beschreibt 32 amerikanische Drogen, die für 38 Zubereitungen vorgesehen waren.

 

Mission und Pharmazie

 

In der Rolle der Übermittler heilkundlichen Wissens fanden sich oft christliche Missionare, zu deren karitativem Auftrag auch die Pflege kranker Menschen gehörte. Dabei brachten sie ihre europäischen Erfahrungen ein, erkundeten aber auch den Arzneischatz ihres Missionsgebietes, über den sie nach Hause berichteten. Auf diese Weise entstand, wie Dr. Sabine Anagnostou, Marburg, feststellte, ein reger Transfer pharmazeutischen Wissens in beide Richtungen. Der Jesuitenorden entwickelte gar eine Art globales Netzwerk zum Austausch heilkundlichen und ethnobotanischen Wissens, in das eigene Ordensapotheken in den Missionsgebieten eingebunden waren. Zentrum des Netzwerkes war die Apotheke des »Collegio Romano« in Rom, von wo aus die Missionsapotheken in aller Welt beliefert wurden. Wichtiges Exportgut war der Theriak, der in einer veränderten Rezeptur später als Brasilianischer Theriak wieder in die Alte Welt zurückkehrte. Exotische Drogen und Arzneimittel gelangten ebenfalls über das »Collegio Romano« in verschiedene europäische Länder. Berühmteste Beispiele sind die Chinarinde, die in verarbeiteter Form gar als »Jesuitenpulver« bezeichnet wurde oder die Ignatiusbohne, eine auf den Philippinen heimische Arzneipflanze, die der in Manila tätige Jesuitenpater Joseph Camel erstmals für europäische Leser beschrieb. Zu den bedeutendsten Jesuitenapotheken gehört die Offizin von San Miguel in Santiago de Chile, die unter dem deutschen Ordensbruder

 

Josef Zeitler Berühmtheit erlangte, der seine pharmakognostischen Kenntnisse in drei leider verloren gegangenen Büchern niederlegte. Johann Steinhöfer verfasste als Missionar in Mexiko ein »Florilegio medicinal«, das die zeitgenössische Ethnobotanik Mittelamerikas zusammenfasst. In den Missionsgebieten, aber auch in Europa legten Jesuiten botanische Gärten an, in denen die jeweils fremden Arzneipflanzen kultiviert werden konnten. So entstand im Garten des »Collegio Romano« die erste europäische Hibiskus-Anpflanzung, die Missionare ihrerseits kultivierten europäische Heilpflanzen wie Rosmarin, Pfefferminz, Fenchel oder Knoblauch.

 

Praktisch alle Kolonialmächte unterhielten Handelsorganisationen, die den Warentransfer von und nach Übersee professionell organisierten. In den Niederlanden entstand die »Dutch West India Company«, die unter anderem Heilpflanzen importierte. Nicht immer konnten die gewünschten Qualitäten geliefert werden, wie Dr. Sjoerd Wicherink, Rotterdam, am Beispiel Ipecacuanha demonstrierte. Die Brechwurzel wurde zwar bereits im 16. Jahrhundert in Europa beschrieben, konnte sich jedoch vor allem wegen vielfältiger Beschaffungsprobleme nur langsam durchsetzen, zumal man erst im 18. Jahrhundert lernte, die Pflanze zu kultivieren. Unter der Bezeichnung Ipecacuanha wurden alle möglichen mehr oder weniger emetisch wirkenden Drogen gehandelt, was selbst Carl von Linné verwirrte, der drei verschiedene »Brechwurzeln« benannte. Erst im 19. Jahrhundert erkannte man Emetin als wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoff.

 

Kakao und Coca

 

Zu den eher kulinarisch wertvollen Entdeckungen der Neuen Welt gehörte der Trank, den die Azteken 1519 dem Seefahrer Hérnán Cortez reichten. Das wohlschmeckende, aus Kakaobohnen bereitete Getränk belegten sie mit dem Namen Xocoatl, woraus sich der europäische Begriff Schokolade entwickelte. 1528 brachte Cortez Kakaobohnen mit nach Spanien und Schokoladengetränke verbreiteten sich von dort aus in ganz Europa. Wie Dr. Annette Bierman, Rotterdam, betonte, wurde Kakao zunächst überwiegend als Arzneimittel oder Hilfsstoff angesehen und fand sich in niederländischen Arzneibüchern zwischen 1686 und 1871. Haupteinsatzzwecke waren die Herstellung von Kakaobutter als Zäpfchenmasse und die Geschmacksverbesserung für unbekömmliche Wirkstoffe. Die weitere Verbreitung des Kakaos als Getränk wurde durch die Erfindung des niederländischen Fabrikantensohns Coenraad Johannes van Houten (1801 bis 1887) ermöglicht, dem es gelang, entfettetes Kakaopulver herzustellen, das sich in Wasser und Milch rückstandslos löste. Die Löslichkeit wurde durch den Zusatz von Alkalien verbessert, die zudem durch Aufschluss der Zellwände den Kakaogeschmack intensivierten. Vor allem schweizerische Wissenschaftler beschäftigten sich früh mit Botanik und Inhaltsstoffen von Theobroma cacao. Aus der Blütezeit eidgenössischer Phamakognosie sind Friedrich August Flückiger und Alexander Tschirch mit seinen Schülern hervorzuheben. Sie leisteten, wie Professor Dr. François Ledermann, Bern, nachwies, wertvolle Beiträge zur Erforschung der Gattung Theobroma, die nicht zuletzt den Hauptinhaltsstoff für die berühmte Schweizer Schokolade liefert.

 

Im 19. Jahrhundert wandten sich auch pharmakologische Untersuchungen den Drogen aus Übersee zu, nachdem sich eine zunehmend rationalere Sichtweise auf die Arzneimittelwirkungen durchgesetzt hatte. Professor Dr. Bettina Wahrig, Braunschweig, berichtete vom Interesse des italienischen Arztes Paolo Mantegazza (1831-1910) an Erythroxylon coca. Auf Forschungsreisen nach Südamerika hatte er den Genuss von Coca-Blättern kennengelernt, die er als Mittel zur Steigerung der körperlichen und mentalen Fitness ansah. Vor allem unter unwürdigen Bedingungen tätige Minenarbeiter machten regen Gebrauch davon. Für Mantegazza war Coca, wie auch Coffein und Mate, ein »Nervennahrungsmittel«, mit dem er nach seiner Rückkehr zu experimentieren begann. Seine Studien stehen am Beginn rationaler Psychopharmakologie.

 

Wo der Pfeffer wächst

 

Der Seeweg nach Indien brachte neue Beschaffungsmöglichkeiten für wertvolle Gewürze, wie Dr. Ernesto Riva, Belluno, am Beispiel des Pfefferhandels aufzeigte. Seit römischen Zeiten hatten italienische Händler in Venedig oder Pisa die scharfe Spezialität über die arabische Halbinsel und das Mittelmeer beschafft und Preise erzielt, die Pfeffer so wertvoll wie Gold werden ließen. Portugiesischen Seefahrern gelang es im 16. Jahrhundert, das italienische Monopol zu erschüttern. »Wir suchen Christen und Gewürze«, soll Vasco da Gama bei der Ankunft in Kalkutta ausgerufen haben. Venedischen Kaufleuten gelang es jedoch, den Landhandel konkurrenzfähig zu halten - teilweise kauften sogar portugiesische Seeleute in Italien ein. Die Entdeckungsreisenden bereicherten indes den Gewürzmarkt durch neue, bisher unbekannte Pfeffersorten.

 

Neue Krankheit, neue Droge

 

Allerdings kam durch die interkontinentale Seefahrt auch manch Unheilvolles nach Europa. So trat unmittelbar nach Rückkehr der ersten Kolumbus-Exkursion eine Infektionskrankheit auf, die später unter dem Namen Syphilis bekannt wurde. Ob die Erkrankung tatsächlich durch Seefahrer aus Übersee eingeschleppt wurde oder in ähnlicher Form bereits vor 1492 in Europa vorkam, konnte nach Professor Dr. John Parascandola, Rockville, USA, bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Gesichert ist, dass die Geschlechtskrankheit zunächst im Mittelmeerraum auftrat und sich nach der französisch-italienischen Schlacht von Fornovo 1495 und dem anschließenden Rückzug französischer Truppen dann in Frankreich ausbreitete. Die erste große Epidemie innerhalb der französischen Armee ist der Grund für die Bezeichnung »Franzosenkrankheit« (Morbus gallicus). Früh erkannte man den venerischen Übertragungsweg der Syphilis, sodass man meist infizierte Prostituierte für die Verbreitung der Krankheit verantwortlich machte. Generell wurden jahrhundertlang Frauen als Verursacher der Krankheit stigmatisiert, während Männer in der öffentlichen Meinung die Opferrolle einnahmen. Spezielle Quarantäneeinrichtungen und Behandlungszentren für »promiskuitive Frauen« waren die Folge, versprachen aber epidemiologisch wenig Erfolg.

 

Die Theorie vom amerikanischen Ursprung der Seuche stammt vom spanischen Chronisten Oviedo, der diesen Verdacht in seinem 1526 erschienenen Buch »Natural History of the Indies« äußerte. Die Therapie bestand bis zur Einführung wirksamer Chemotherapeutika im 20. Jahrhundert vornehmlich aus quecksilberhaltigen Externa, in der Frühzeit gar aus elementarem Quecksilber, das hoch konzentriert in Salben eingearbeitet wurde. Mit Kalomel imprägnierte Unterwäsche sollte venerische Symptome bekämpfen. Die Zeichen schwerwiegender Toxizität wurden entweder als Krankheitssymptome oder als Vorboten des Heilungsprozesses missdeutet. Ein nebenwirkungsärmeres, wenngleich ebenfalls nicht kurativ wirkendes Mittel kam, wie vielleicht die Krankheit selbst, ebenfalls aus der Neuen Welt.

 

Noch im 16. Jahrhundert wurde man in Europa auf das Guajakholz aufmerksam, das, als Decoct genossen, die Infektion bekämpfen sollte. Der Glaube, dass Gott Heilmittel an den Stellen wachsen lässt, an denen auch die betreffende Krankheit heimisch ist, nährte die Hoffnung auf die in Europa bislang unbekannte Droge, deren Einnahme in ein komplexes Therapieschema aus Arzneimittelgabe, Diät und Verhaltensregeln eingebettet war. In Deutschland wurde Guajak-holz vor allem durch den an Syphilis leidenden Reichsritter Ulrich von Hutten bekannt, der die Droge überschwänglich lobte, letztlich aber doch an der Krankheit verstarb. Die Theorie des Historikers Sheldon Watts, dass der Schriftsteller Oviedo die Theorie des amerikanischen Syphilis-Ursprungs lanciert habe, um anschließend am Guajak-Handel zu verdienen, ist bisher nicht bewiesen. Sicher ist indes, dass die spanischen Drogenimporteure des 16. und 17. Jahrhunderts Meinungsbildner in ganz Europa dafür bezahlten, das neue Heilmittel zu propagieren.

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