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Arm und krank

Gesundheit hängt vom Einkommen ab

Die soziale Schere geht immer weiter auseinander. Das hat Folgen für den Gesundheitszustand der Menschen in Deutschland, informierte Thomas Lampert, Leiter des Fachgebiets Soziale Determinanten der Gesundheit am Robert-Koch-Institut (RKI), beim Herbstseminar des Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP).
Christina Müller
01.11.2019
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»Die gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland ist seit vielen Jahren relativ stabil«, sagte Lampert am Donnerstag in Berlin. Viele Versuche, dem entgegenzuwirken, hätten nicht gefruchtet. Als Beispiel nannte er eine Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zum Tabakkonsum. Diese sei grundsätzlich erfolgreich gewesen, der Tabakkonsum in der Bevölkerung habe deutlich abgenommen. »Das gilt aber vor allem für die Mittel- und Oberschicht«, betonte der Soziologe. Menschen aus sozial schwachen Verhältnissen habe die Initiative kaum erreicht.

Wer arm ist, hat nach Daten des RKI auch gesundheitliche Nachteile. So erreicht laut Lampert mehr als ein Viertel der Männer, die weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens verdienen, nicht das Rentenalter. Rund 27 Prozent von ihnen sterben vor dem 65. Geburtstag. Unter den Frauen in derselben Einkommensklasse sind es dagegen nur etwa 13 Prozent. Zum Vergleich: Verdienen Männer 80 bis 99 Prozent des Durchschnitts, liegt die vorzeitige Sterberate bei 19 Prozent. Bei den Frauen sind es sogar nur 10 Prozent. Die mittlere Lebenserwartung bei männlichen Geringverdienern sinkt im Schnitt um 8,6 Jahre (von 79,6 auf 71,0). Frauen mit geringem Einkommen verlieren gegenüber besser Verdienenden durchschnittlich 4,4 Jahre (von 82,8 auf 78,4).

Die erhöhte vorzeitige Sterberate korreliere zudem signifikant mit regionalen Vermögensunterschieden. In Gebieten, in denen die Menschen eher arm sind, sind nicht nur Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas und Tabakkonsum überdurchschnittlich verbreitet, sondern die Unterschiede zeigten sich bei fast allen chronischen Krankheiten. Frauen aus sozial schwachen Schichten haben Lampert zufolge etwa ein vierfach höheres Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken, als Frauen aus weniger prekären Verhältnissen. »Auch bei Adipositas sehen wir extrem große Differenzen zwischen arm und reich«, so Lampert. Bei Frauen sei dieser Unterschied sehr viel stärker ausgeprägt als bei Männern.

Darüber hinaus erkrankten sozial schlechter gestellte Personen früher an chronischen Krankheiten, die zudem schwerere Verlaufsformen nähmen. Auch die Überlebenszeit nach Krankheitseintritt ist dem RKI-Experten zufolge verkürzt. Betroffene erlebten stärkere Einschränkungen im Alltag und bezüglich der sozialen Teilhabe, entwickelten häufiger Komorbiditäten und Funktionseinschränkungen und benötigten besonders oft spezifische Behandlungen. Als protektiven Faktor nannte Lampert familiäre Ressourcen. »Alleinstehende Mütter sind zwar überdurchschnittlich stark von Armut gefährdet, kümmern sich aber meist sehr intensiv um die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Kinder.« Durch familiären Zusammenhalt, gemeinsame Aktivitäten und emotionale Unterstützung lassen sich demnach die Folgen von Armut für die Gesundheit abschwächen.

Um die enge Verknüpfung von Sozialstatus, Einkommen und vorzeitigem Sterberisiko zu durchbrechen, sind nach Einschätzung des Fachmanns umfassende politische Interventionen nötig. »Wir beraten die Abgeordneten vieler Parteien und sind sehr nahe dran an der Politik«, berichtete er. Früher sei der Wille, grundlegend etwas zu verändern, kaum erkennbar gewesen. Denn manch eine notwendige Maßnahme trage womöglich nicht zum Erfolg bei der nächsten Wahl bei. »Heute hat sich das geändert«, so Lampert. Inzwischen sei auch in den Köpfen der Volksvertreter angekommen, dass es tiefgreifende Veränderungen brauche, um Chancengleichheit auch bei der Gesundheit herzustellen.

 

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