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Wer was nimmt und wie viel

12.07.2004
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Schmerzmittel-Monitoring

Wer was nimmt und wie viel

von Kerstin A. Gräfe, Vilnius

Ein internationales Schmerzmittel-Monitoring zeigt, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern mit etwa 46 Tabletten pro Kopf und Jahr mit den niedrigsten Verbrauch hat. „Dies könnte daran liegen, dass hierzulande mehr Kombinations- als Monoanalgetika verbraucht werden“, mutmaßte Dr. J. Michael Ribbat.

Seit den 80er-Jahren führt Boehringer Ingelheim alle fünf Jahre ein internationales Schmerzmittel-Monitoring durch. Dabei wird der Schmerzmittelverbrauch in acht Ländern (Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Kanada, Österreich, Schweden und der Schweiz) registriert und analysiert. Neueste Daten aus dem Jahr 2000 stellte Dr. Roland Schneider, Leiter der Marketingforschung bei Boehringer Ingelheim, auf einer Pressekonferenz in Vilnius vor.

Unangefochtene Spitzenreiter beim Pro-Kopf-Verbrauch sind mit 136 beziehungsweise 126 Tabletten pro Jahr Schweden und Frankreich. Beide Länder verzeichnen auch die höchsten Zuwachsraten seit den 80er-Jahren.

Deutschland nimmt dagegen im internationalen Vergleich einen gleich bleibend niedrigen Rang ein. Gemeinsam mit Österreich (40 Tabletten) und der Schweiz (37 Tabletten) haben die Deutschen mit etwa 46 Tabletten den geringsten Pro-Kopf-Verbrauch, wobei diese Zahl seit etwa 15 Jahren konstant ist. „Dies zeigt den hierzulande verantwortungsvollen Umgang mit Schmerzmitteln“, sagte Schneider.

Insgesamt werden in Deutschland drei von vier Schmerzmitteln rezeptfrei gekauft, wobei mehr als 70 Prozent der Befragten Kopfschmerzen als Kaufgrund angeben. Bei den rezeptpflichtigen Schmerzmitteln ist seit den 90er-Jahren ein leichter Anstieg zu verzeichnen, den Schneider auf die effektive Schmerzbehandlung von chronisch Kranken mit Opioiden zurückführt.

Des Weiteren stellte Schneider eine Korrelationsanalyse über die untersuchten acht Länder vor. Diese ergab, dass Nationen mit einem hohen Anteil an Kombinationsanalgetika mit den Wirkstoffen Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Coffein einen niedrigen Gesamtverbrauch an Schmerzmitteln haben. Dagegen nehmen Menschen in den Ländern, in denen hauptsächlich Monoanalgetika eingenommen werden, häufiger Schmerzmittel ein.

Kombination verstärkt Wirkung

Eine Interpretation dieser Ergebnisse aus Sicht des Praktikers lieferte Dr. J. Michael Ribbat, niedergelassener Arzt für Neurologie, Psychiatrie und spezielle Schmerztherapie in Itzehoe. So widerlegen diese Daten laut Ribbat die Annahme, dass Coffein zu einer Gewöhnung und somit zu einem vermehrten Gebrauch von Schmerzmitteln führe.

Zudem sei bei den Monoanalgetika die schmerzlindernde Wirkung nur geringfügig von der Dosis abhängig. Dies bedeute für den Patienten, dass eine doppelte oder dreifache Dosis keine wesentliche zusätzliche Schmerzlinderung verschafft. Dies erkläre möglicherweise die Beobachtung, dass ein höherer Verbrauch an Monoanalgetika mit einem höheren Gesamtschmerzmittelverbrauch korreliert.

Dagegen sei für Kombinationsanalgetika wie Thomapyrin® die Wirkverstärkung einer weiteren Dosis belegt, so Ribbat. Sowohl bei Spannungskopfschmerz als auch bei Migräne steigere das enthaltene Coffein den schmerzlindernden Effekt um etwa 40 Prozent. Mit diesen Präparaten könnten auch stärkere Kopfschmerzen behandelt werden, für die die analgetische Potenz der Monoanalgetika eventuell nicht ausreicht, so der Mediziner. Somit könnten Kombinationsanalgetika zu dem beobachteten geringeren Pro-Kopf-Verbrauch beigetragen haben.

Des Weiteren beobachte man auch bei Schmerzmitteln, dass ein Medikament bei einigen Patienten wirkt (Responder), bei anderen dagegen nicht (Non-Responder). Klinische Befunde weisen darauf hin, dass bei mehreren, sich ergänzenden Wirkstoffen die Chance, eine Response zu erzielen, höher sei. So beträgt die Ansprechrate bei Monoanalgetika etwa 66 Prozent, bei Kombinationsanalgetika 75 Prozent. Diese höhere Rate spricht laut Ribbat für Kombinationsanalgetika als die Mittel der Wahl für die Hausapotheke, da auf diese zumeist mehrere Personen zugreifen. Auch dieser Aspekt könne zumindest teilweise den geringeren Pro-Kopf-Verbrauch in den Länder erklären, in denen Kombinationspräparate einen hohen Anteil am Gesamtmarkt ausmachen.

 

Selbstbehandlung von Kopfschmerzen Grundsätzlich können Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp vom Patienten selbst behandelt werden. Ein Arztbesuch ist jedoch unbedingt angezeigt, wenn
  • Kopfschmerzen täglich oder fast täglich auftreten.
  • Kopfschmerzen mit weiteren Symptomen wie Lähmungen, Gefühls-, Seh-, Gleichgewichtsstörungen, Augentränen oder starkem Schwindel einhergehen. Auch solche Kopfschmerzen sind im Allgemeinen durchaus harmlos, sie sollten jedoch ärztliche abgeklärt werden.
  • Kopfschmerzen mit psychischen Veränderungen wie Störungen des Kurzzeitgedächtnisses oder der Orientierung zu Zeit, Ort und Person einhergehen.
  • Kopfschmerzen erstmals im Alter von über 40 Jahren auftreten.
  • Kopfschmerzen in ihrer Intensität, Dauer und/oder Lokalisation unüblich sind.
  • Kopfschmerzen erstmals während oder nach körperlicher Anstrengung auftreten, sehr stark sind und in den Nacken ausstrahlen.
  • Kopfschmerzen von hohem Fieber begleitet sind.
  • Kopfschmerzen nach einer Kopfverletzung auftreten.
  • Kopfschmerzen trotz Behandlung an Häufigkeit, Stärke und Dauer zunehmen.
  • Kopfschmerzen zusammen mit einem epileptischen Anfall und Bewusstlosigkeit auftreten.
  • Kopfschmerzen nicht mehr auf die bisher wirksamen Medikamente ansprechen.

Quelle: Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft

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