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Mit Blick auf die EU denkt die PKV an eine Radikalreform

04.01.1999
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-PolitikGovi-Verlag

Mit Blick auf die EU denkt die PKV an eine Radikalreform

Die Bundesregierung will mit dem Vorschaltgesetz 1999 und der geplanten Strukturreform im nächsten Jahr das Gesundheitswesen schrittweise verändern. Andere Vorschläge laufen auf einen radikalen Systemumbau hinaus. Nach Monopolkommission und Wirtschafts-Sachverständigenrat hat nun auch die private Krankenversicherung (PKV) einen Vorschlag für eine Radikalreform auf den Tisch gelegt. Jan Boetius, Chef des größten deutschen Krankenversicherers DKV und stellvertretender PKV-Verbandschef, präsentierte das Modell auf einer PKV-Tagung in Luxemburg. Es soll für die gesamte Europäische Union (EU) gelten.

Da die Harmonisierung der EU-Sicherungssysteme nach Einschätzung von Boetius zwingend ist, muß das Leistungsniveau so definiert werden, daß alle Staaten es finanzieren können. Für "Hochniveauländer" wie Deutschland bedeute das Reduzierung auf eine Grundsicherung.

Der fest definierte Grundschutz soll künftig sowohl öffentlich-rechtlich als auch von der PKV angeboten werden. Zwischen allen Anbietern herrscht freier Wettbewerb. Die Versicherten können frei wählen und auch wechseln, die Versicherer müssen jeden aufnehmen (Kontrahierungszwang). Es besteht Versicherungspflicht, und Bedürftige bekommen vom Staat Zuschüsse.

Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) würde demnach ihr Pflichtversicherungsmonopol verlieren und müßte nach Einschätzung von Boetius ihre Rechtsform ändern. Darüber hinaus dürfen alle Anbieter Zusatzpolicen verkaufen, wobei aber kein Annahmezwang besteht - wer Vorerkrankungen hat oder zu alt ist, hat diese Option also nicht.

Auch der Wettbewerb zwischen den Leistungsanbietern muß nach diesem Vorschlag intensiviert werden. Die Krankenversicherer sollen deshalb die Möglichkeiten haben, auf dem Gesundheitsmarkt alle Dienstleistungen und Waren möglichst preisgünstig einzukaufen: Ambulante Versorgung und Krankenhausbehandlung, Arzneimittel sowie Heil- und Hilfsmittel.

Soweit das Modell von Boetius. Er geht davon aus, daß die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen unvermindert anhalten. Das gehe sowohl auf das Konto von Leistungsanbietern (mehr Ärzte, Einzelleistungsvergütung, Mengenausweitung), als auch von Patienten (Anspruchsdenken, Doktorhopping). Hinzu kämen technische und Pharma-Innovationen, die nicht nur kostentreibend wirkten, sondern auch die Lebenserwartung erhöhten.

Der DKV-Chef meint, daß ein solidarisches, umlagenfinanziertes Krankenversicherungssystem insbesondere für die demographische Entwicklung (Überalterung) schlechter gerüstet sei, als ein privates mit risikoäquivalenten Prämien und Anwartschaftsdeckungsverfahren (Zukunftsvorsorge/Vorfinanzierung). Außerdem habe die PKV bessere Instrumente, um Kosten einzudämmen (Selbstbeteiligungstarife, privatwirtschaftliches Leistungs- und Gesundheitsmanagement).

Wenn es politisch gut vorbereitet werde, könnte sein Modell in einem Zug umgesetzt werden, meint Boetius. Auch die Pflegepflichtversicherung sei ja erfolgreich aus dem Stand heraus eingeführt worden.

PZ-Artikel von Karl H. Brückner, LuxemburgTop

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