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Besuch im Land der Schattengeister

26.03.2001
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VENEZUELA-AUSSTELLUNG

Besuch im Land der Schattengeister

von Ulrike Abel-Wanek

Seit Alexander von Humboldt vor 200 Jahren das Amazonasgebiet Venezuelas bereiste, gilt er als "zweiter Entdecker Südamerikas". Eine Ausstellung des Museums für Weltkulturen in Frankfurt am Main folgt seinen Spuren und zeigt noch bis September seltene ethnographische Objekte ursprünglicher indianischer Gesellschaften. Die einzigartige "Orinoko-Sammlung der "Fundación Cisneros" erhielt im vergangenen Jahr in Venedig einen der angesehensten Kulturpreise der Welt.

Humboldt erforschte als erster den Verlauf des verzweigten Orinoko-Flusssystems. Südlich dieses riesigen Gewässers, das Venezuela geographisch in zwei Hälften teilt, bewegt sich der Besucher der Ausstellung. Sie zeigt etwa 400 ausgewählte Objekte aus dem Leben indigener Völker, darunter Masken, Waffen, Schamanenausrüstungen, Hängematten, Körbe, Feder- und Körperschmuck. Zum Teil großformatige Fotografien an den Wänden veranschaulichen den Gebrauch der Gegenstände im Urwald-Alltag. Modelle gemeinschaftlichen Wohnens geben eine Vorstellung der fremden Kultur. In den ovalen "Shaponos", den Häusern des Yanomami-Volkes wohnen beispielsweise bis zu 150 Menschen unter einem Dach. Für Europäer unvorstellbar, haben die Behausungen weder Wände noch Türen. Trotzdem gibt es Privatsphäre, die respektiert wird. Gesten, Körpersprache und Rituale zeigen hier, wann die "Tür zu ist".

Die Objekte sind nicht nach ethnischen Gruppen, sondern nach verschiedenen Themen geordnet und in Inszenierungen eingebunden. Das Konzept folgt einem Lebenszyklus. Auf Werden, Entstehen und Geburt folgen Überqueren, Jagen, Heilen und Nähren, um schließlich über das Feiern von Festen, Tauschen und Schlafen an das Ende des Lebens, das Vergehen, zu gelangen. Es sind Lebenserfahrungen, die allen Menschen gemeinsam sind, wenn sich auch die hier präsentierten indianischen Gesellschaften alle etwas voneinander unterscheiden.

Ohne den Ausbruch einer verheerenden Maul- und Klauenseuche und die strenge Dienstauffassung des Venezolaners Edgardo González-Nino gäbe es diesen Kulturschatz heute nicht. 1956 ließ der junge Veterinärtechniker, verantwortlich für Impfung und Schädlingsbekämpfung in den Städten Puerto Cabello und San Felipe, ein als Geschenk gedachtes Schaf seines Vorgesetzten nicht die vorgeschriebene Quarantänezone in Richtung Caracas passieren. Er wurde daraufhin in einen abgelegenen Ort der Orinoko-Region verbannt. Bald darauf trat er von seinem Posten zurück. Was als Strafe gedacht war, wurde für ihn jedoch zur persönlichen Offenbarung. Seine Begeisterung für den Regenwald und die dort lebenden Menschen war so groß, dass er blieb und schließlich zum Wegbereiter der venezolanischen Ethnographie wurde. Über einen langen Zeitraum hinweg sammelte er die indianischen Objekte, die die Familie Cisnero 1988 erwarb und in ihre bedeutende Stiftung integrierte. Die Sammlung umfasst über 1400 Kunstwerke und Gegenstände des täglichen Gebrauchs von zwölf verschiedenen ethnischen Gruppen. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschungsarbeit, zusammengetragen, um weltweit ein Bewusstsein für das reiche kulturelle Erbe Lateinamerikas zu wecken und zu fördern.

Sichtbares und Unsichtbares

"Aus europäischer Sicht ist die Sammlung nicht besonders prachtvoll, wie man sie von indianischen Artefakten erwarten könnte", so Stephan Andreae, einer der Ausstellungsmacher. Ihr Sammler verfolgte keine wissenschaftlichen Ziele, sondern sammelte handwerkliche Kunst, vor allem aber, "wahrscheinlich nicht einmal bewusst, die ihr innewohnenden Geister". Viele Objekte haben mehr als eine praktische Bedeutung. Sie "atmen" die Lebensweise und Magie ihrer Schöpfer, die es lange schafften, in Einklang mit und von der Natur zu leben. Die Exponate aus pflanzlichen und tierischen Materialien wie Vogelfedern, Krallen, Schnäbeln, Häuten, Zähnen, Rinde, Holz oder Samen zeigen nicht nur Kunstfertigkeit und Originalität, sondern belegen, wie eng die Völker, die sie anfertigten, mit ihrer natürlichen Umgebung verbunden waren. Dabei beschwört die Ausstellung keine romantisierende Vorstellung einer paradiesähnlichen Urgesellschaft herauf. Alltag und Leben der indianischen Gesellschaften sind weder sorglos noch unbekümmert. Das Leben mit der Natur kennt im Gegenteil große Mühsal. "Für sie ist die Erkenntnis Humboldts, die er sich während vieler Forscherjahre erarbeiten musste und die ihn zum Vordenker der Ökologie gemacht hat, nämlich dass alles Wechselwirkung ist, dass unsere Welt ein "Zusammen- und Ineinander-Weben aller Naturkräfte" ist, eine alltägliche Erfahrung, eine Selbstverständlichkeit", so der Chef der Bonner Bundeskunsthalle, Wenzel Jacob im Vorwort des Katalogs.

Viele Traditionen, denen auch schon Humboldt mit großem Respekt begegnete, haben sich bis heute bei den Menschen Amazoniens erhalten. Und doch ist ihre Kultur auf dem Weg, langsam zu verschwinden. Ihre Heimat galt lange als unwirtliche und abgelegene Region auf dem Globus, wenig beachtet und attraktiv nur durch ihre Bodenschätze. Das gewachsene Interesse der letzten Jahrzehnte, Assimilation und vor allem Krankheiten haben einzelne Gruppen um bis zu 50 Prozent dezimiert. Einfacher Schnupfen, Malaria und insbesondere Hepatitis machten den Völkern, denen diese Krankheiten bis dahin unbekannt waren, zu schaffen. Eines der größten Probleme wurde die ärztlich Versorgung. Heute setzt die neue Regierung von Hugo Chavez das Militär zur ambulanten Krankenversorgung im Urwald ein, Buschflugzeuge fliegen Schwerkranke aus. Technik und Schulmedizin dringen ein in ein Gebiet, das früher ausschließlich Schamanen und Heilern vorbehalten war.

Apotheker und Geisterheiler

Die Apotheke des tropischen Regenwaldes ist mindestens ebenso reich gefüllt wie westeuropäische Pharmazien. Die indianischen Völker verfügen jedoch nicht nur über unzählige Heilpflanzen. Ihr Reichtum an spirituellem Wissen, an Formeln und rituellen Handlungen ist groß und wurde Hunderte von Jahren zwischen den Generationen weitergegeben. Häufig folgte ein Sohn dem Vater in seiner Berufung zum Schamanentum. Schamanen müssen mit allen nicht von Menschen kontrollierbaren Problemen fertig werden: mit Krankheiten, Siechtum, Unfruchtbarkeit, aber auch mit Schlangenbissen und Unwettern.

Die Medizinmänner versetzen sich durch Tanz, Gesänge und das Inhalieren von Halluzinogenen in Trance, um den Grund der Krankheit zu erkennen. Für ihre sprituellen Kräfte saugen die Schamanen der "Híwi" das so genannte "yopo" mit einem Gerät aus Vogelknochen in die Nase ein. Das Drogenritual bringt sie in die Welt der Geister, um die "geraubte Seele" des Kranken dort wiederzufinden. Psyche und Soma sind in den indigenen Gesellschaften für die Gesunderhaltung eines Menschen schon lange untrennbar. Häufig führt man Krankheiten auf "schwarzmagische Praktiken", zurück. Gedankenblitze übelwollender, feindlicher Medizinmänner dringen in den Körper des Patienten ein oder bösartige und bizarre Geister sorgen in Menschen, Tieren oder Pflanzen für Zerstörung und Tod.

Die Orinoko-Parima-Sammlung ist nicht nur Kunstausstellung oder ethnologische Schau. Sie erlaubt es dem Besucher, Ähnlichkeiten und Unterschiede verschiedener Ethnien zu würdigen, zu verstehen und sie zur eigenen Kultur in Beziehung zu setzen. Hier ist eine Chance, den Urwald neu kennen zu lernen als Lebensraum von Menschen mit all ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen und den Mythen, die sie umgeben. Nach der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn, die 80 000 Besucher anzog, bietet das Museum für Weltkulturen in Frankfurt voraussichtlich die letzte Möglichkeit, die Ausstellung in Deutschland zu sehen. Sie soll danach an weiteren internationalen Standorten gezeigt werden.

 

Die Ausstellung begleitet ein sehr informativer Katalog mit etwa 200 Farbabbildungen (Preis: 58 DM).
Eine mit internationalen Internet- und Bildungspreisen ausgezeichnete Website zeigt Highlights der Sammlung und enthält Informationen über die indigenen Völker: . Top

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: [email protected]

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