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Legastheniker werden oft einfach ihrem Schicksal überlassen

25.06.2001
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SELBSTHILFEGRUPPEN

Legastheniker werden oft einfach ihrem Schicksal überlassen

von Christiane Berg, Hamburg

Sie schreiben ungewöhnlich langsam und unsicher, verwechseln ähnliche Buchstaben, lesen "oben" statt "Ofen" und d statt b. Dabei tendieren sie aus Angst, sich zu blamieren, zu Ausweichmanövern und "vergessen" Hefte und Bücher in der Schule oder zu Hause. Etwa 15 Prozent aller Schüler des zweiten und dritten Grundschuljahres haben Schwierigkeiten beim Erlernen der Schriftsprache. Circa die Hälfte dieser Kinder leidet an einer Legasthenie und wird von Eltern und Lehrern aus mangelnder Kenntnis der Ursache nur zu häufig für "faul, langsam und unkonzentriert" gehalten.

Legasthenie, so die offizielle Definition, ist eine bei normaler oder überdurchschnittlicher Intelligenz umschriebene Schwäche beim Erlernen der Schriftsprache infolge von Teilleistungsschwächen der auditiven und visuellen Wahrnehmung, der Motorik oder der sensorischen Integration. Man geht von verschiedenen, noch unbekannten neurobiologische Ursachen aus. Es handelt sich um eine familiär gehäuft auftretende, anlagebedingte Entwicklungsstörung von Teilfunktionen des zentralen Nervensystems, die durch äußere soziale Bedingungen verstärkt werden kann.

Vorstellungen und Wirklichkeit

"Viele Mütter erinnern sich rückblickend, dass ihr Kind schon in den ersten Lebensmonaten durch Störungen der motorischen Koordination oder eine verlangsamte Entwicklung auffiel", so Margret Meine, Vorsitzende des Hamburger Landesverbandes "Legasthenie". "Es gibt viele Jungen und Mädchen, die außerordentlich fingerfertig mit kleinen Legosteinen und Schrauben arbeiten können, aber nicht fähig sind, einen Stift koordiniert zu halten und zu führen."

Meine, selbst Pädagogin, beklagt die schulrechtliche Situation der Legastheniker, die infolge der Kulturhoheit der Länder in jedem Bundesland eine andere ist. "Nicht überall in Deutschland ist die Lese- und Rechtschreibschwäche im Sinne ihrer Definition anerkannt", kritisiert die Mutter eines heute 28-jährigen Sohnes mit Legasthenie. Wie er und ihr Mann leidet auch Margret Meine unter der Lese- und Rechtschreibstörung und war daher frühzeitig für die Schwierigkeiten ihres Kindes sensibilisiert.

Bei der Legasthenie handele es sich nicht, wie von pädagogischer Seite unter Missachtung des internationalen Forschungsstandes häufig noch immer behauptet, um eine vorübergehende Erscheinung, die sich lediglich durch verstärkten Einsatz in der Schule ausgleichen lässt. "Diese Vorstellung geht an der Wirklichkeit vorbei, ja sie ist sogar mit großen Gefahren verbunden, da sie zu Verhaltensproblemen sowie emotionalen und psychosozialen Auffälligkeiten der völlig überforderten Kinder führen kann", sagt die Lehrerin, die seit 30 Jahren an der Grundschule unterrichtet und in jeder Klasse mindestens ein bis zwei Legastheniker hat.

Emotionale Auffälligkeiten

Kindern mit Lese- und Rechtschreibschwäche könne es abhängig von ihrer Persönlichkeitsstruktur im Laufe des ersten Schuljahres zwar zunächst noch gelingen, sich selbst zu helfen - zum Beispiel mit Bildern aus ihrem Alltagsleben. Margret Meine verweist auf die Vorgeschichte eines kleinen Mädchens, das sich beim E stets einen Zaun, beim F einen "kaputten Zaun" vorgestellt hat. "Andere Kinder im ersten Schuljahr versuchen die für sie sehr bedrohlichen Situationen beim Lesenlernen zu überbrücken, indem sie die Sätze auswendig lernen."

Die Praxis zeige, dass sich diese Kinder zumeist schon im zweiten Schuljahr den Leistungsanforderungen nicht mehr gewachsen fühlen und Ängste, Minderwertigkeitsgefühle, Aggressionen und Depressionen entwickeln, die oftmals von genereller Schul-Unlust, Bettnässen, Kopfschmerzen, Einschlafstörungen, Schwindel oder Appetitlosigkeit begleitet werden. Viele der betroffenen Jungen und Mädchen ziehen sich völlig zurück. Meine: "Nur die frühzeitige Diagnose und spezielle Förderung dieser Kinder kann solche negativen Entwicklungen verhindern. Wichtig ist es, ihnen zu helfen, bevor sie beginnen, ihr vermeintliches Versagen zu überspielen."

Dieses mache großes Einfühlungsvermögen seitens der Lehrer und Eltern notwendig. "Nur zu sagen, streng Dich an, damit ist es nicht getan", schildert die 56-Jährige ihre Erfahrungen und verweist auf regelrechte Familientragödien, die sich bei den nachmittäglichen Hausarbeiten abspielen. "Lassen Sie Ihrem Kind Zeit und setzen Sie es nicht unter Druck. Stellen Sie fest, was es kann und nicht, was es nicht kann, um sein Selbstbewusstsein zu stärken", lautet ihr Rat an die Mütter und Väter. Meine: "Weniger ist häufig mehr."

Förderungsmöglichkeiten

Der Landesverband Hamburg ist mit den Landesverbänden der anderen Bundesländer im Bundesverband Legasthenie, Königstraße 32, 30175 Hannover, Telefon (05 11) 31 87 38, zusammengeschlossen, der 8000 Mitglieder hat. Durch persönliche Beratung, Informationsschriften und Hinweise auf geeignete Literatur hilft der Verband betroffenen Eltern, die Schwierigkeiten ihrer lese- und rechtschreibschwachen Kinder zu verstehen. Auch unterstützt er diese auf der Suche nach individuellen, außerschulischen Förderungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Wahrnehmungstraining, psychomotorische Übungen, Sprach- und Spieltherapie.

Es ist unbegreiflich, dass legasthenische Kinder trotz vorhandener Möglichkeiten und Testverfahren an deutschen Schulen zum Großteil noch immer unerkannt beziehungsweise unberücksichtigt bleiben, so Meine. Dringend notwendig sei die Verständigung über die Natur der Störung und über therapeutische Maßnahmen. "Es kann nicht sein, dass Kinder mit einer Legasthenie weitgehend ihrem Schicksal und einem Konkurrenzkampf überlassen werden, den sie trotz normaler bis überdurchschnittlicher Gesamtbegabung nicht bestehen können", so die seit zehn Jahren in der Selbsthilfe engagierte Lehrerin.

© 2001 GOVI-Verlag
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