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Das Geschäft mit den Stammzellen

06.08.2001
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NABELSCHNURBLUT-EINLAGERUNG

Das Geschäft mit den Stammzellen

von Ulrike Wagner, Eschborn

Stammzellen aus Nabelschnurblut sind zweifellos wertvolles biologisches Material. Das hat auch die Leipziger Firma Vita34 erkannt und bietet ihre Dienste werdenden Eltern an. Für 6050 DM können diese die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut ihres neugeborenen Kindes in flüssigem Stickstoff lebenslang aufbewahren lassen. Das Unternehmen setzt dabei auf die Bereitschaft der Schwangeren, alles für die Sicherheit ihrer Kinder zu tun.

"Ausschließlich zum persönlichen Nutzen des Spenderkinds", heißt es in einer Broschüre des Deutschen Grünen Kreuzes, das für die private Einlagerung von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut wirbt. Einziger Anbieter zum Zeitpunkt der Veröffentlichung: Vita34 - Gesellschaft für Zelltransplantate mbH. In der Broschüre wird munter vermischt, was derzeit möglich ist und vielleicht irgendwann einmal möglich sein wird. So suggeriert das Heftchen, dass es bereits eine breite Anwendung für die eigenen Stammzellen aus dem Nabelschnurblut gibt und wirbt mit dem Schlagwort "biologische Lebensversicherung".

Experten sind anderer Meinung. "Für die Transplantation von Stammzellen aus dem eigenen Nabelschnurblut gibt es derzeit keine medizinische Indikation", sagt Professor Dr. Peter Wernet, Direktor der Knochenmarkspenderzentrale der Universität Düsseldorf auf Anfrage der PZ.

Bei kindlichen Leukämien, der häufigsten bösartigen Erkrankung im Kindesalter, werden ausschließlich fremde Transplantate eingesetzt. Selbst Transplantate von eineiigen Zwillingen setzt man dafür nur ungern ein, weil die Kinder danach oft erneut an Leukämie erkranken. Und für die Behandlung von Erwachsenen, bei denen eigene Zellen bei bestimmten malignen Erkrankungen verwendet werden, reicht die Zahl der hämatopoetischen Stammzellen im Nabelschnurblut meist nicht aus.

Experimentelle Transplantation

Dr. Carlheinz Müller, Ärztlicher Leiter des Zentralen Knochenmarkspender-Registers Deutschland (ZKRD) in Ulm, gibt grundsätzlich der konventionellen Transplantation den Vorzug. "Die Übertragung von Nabelschnurblut ist noch immer eine experimentelle Transplantation." Das ZKRD sammelt die Daten aller Knochenmarkspender-Dateien in Deutschland und bearbeitet die Anfragen aus dem In- und Ausland.

Wenn schon nicht für das Kind selbst, dann könnte das Nabelschnurblut ja vielleicht den Geschwistern als wertvolle Stammzellquelle dienen? Das impliziert zumindest das Deutsche Grüne Kreuz in der Broschüre, indem es einige Seiten weiter schreibt: "Das Nabelschnurblut bleibt dann im Besitz der Eltern und kann jederzeit auf ärztliche Anforderung für das Kind oder aber auch für Familienangehörige verwendet werden." Für die allogene Behandlung brauchen die Präparate jedoch eine Zulassung, mit der Vita34 nicht aufwarten kann.

Dem Unternehmen wurde bereits vor etwa drei Jahren die Werbung mit einer solchen Aussage außerhalb von Fachkreisen untersagt, erklärte das Regierungspräsidium Leipzig auf Nachfrage der PZ. Auf die Broschüren des Deutschen Grünen Kreuzes könne man dahingehend jedoch keinen Einfluss nehmen.

Geringere Zellzahlen

Vita34 hat nach eigener Aussage die Zulassung für allogene Transplantate beim Paul-Ehrlich-Institut zwar beantragt. Aber nach Angaben von Dr. Erich Kunert vom Kundenservice des Unternehmens werden in Leipzig auch Proben eingefroren, die aus kleineren Volumina bestehen und weniger kernhaltige Zellen enthalten, als dies die Richtlinie der Bundesärztekammer und des Paul-Ehrlich-Instituts für die Transplantation von Nabelschnurblut vorgibt - mit der Begründung, für die autologe Transplantation einzulagern.

Damit erklärt sich die hohe Erfolgsquote gesammelter Nabelschnurblut-Proben, die Vita34 gegenüber dem WDR in einer Sendung vom 14. Mai 2001 mit mehr als 90 Prozent angegeben hat. Öffentliche Blutbanken (zum Beispiel in Düsseldorf, Mannheim, München und Dresden), die die Transplantate für allogene Spenden aufarbeiten und aufbewahren, lagern wegen der strengen Qualitätskriterien nur weniger als die Hälfte der gespendeten Nabelschnurblute ein.

Für die Herstellung und anschließende Abgabe an das Kind, von dem die Nabelschnur stammte, muss das Unternehmen laut Paul-Ehrlich-Institut die Zellzahlen nicht bestimmen. Soll das Material jedoch für Geschwister oder andere Familienangehörige verwendet werden, muss es zugelassen werden. Dr. Eberhard F. Lampeter, Geschäftsführer des Leipziger Unternehmens, konnte auf Nachfrage die Zellzahl in den eingefrorenen Nabelschnurbluten nicht nennen, betonte jedoch, dass die Einlagerung auch den Geschwistern des Kindes zugute komme.

Qualitätskriterien

"Für eine Zulassung der Präparate muss ein Unternehmen mindestens die Richtlinien der Bundesärztekammer und des Paul-Ehrlich-Instistuts einhalten", sagt Dr. Susanne Stöcker, Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. Nur für Präparate, die die entsprechenden Zellzahlen enthalten und auch sonst den Qualitätskriterien entsprechen, würde das Paul-Ehrlich-Institut die Zulassung erteilen. Für die Therapie von Geschwister-Kindern dürfen Präparate, die diese Kriterien nicht erfüllen, nicht herausgegeben werden. Es sei denn, ein Arzt beruft sich auf seine Therapiefreiheit und setzt das Präparat ohne Zulassung ein. Zur Zahl der bislang eingelagerten autologen Transplantate wollte sich Lampeter wegen der derzeit auf den deutschen Markt drängenden Konkurrenzunternehmen nicht äußern.

Das Deutsche Grüne Kreuz musste für die Nabelschnurblut-Broschüre offensichtlich bereits Kritik einstecken, denn es schreibt auf seiner Homepage: "Im Zusammenhang mit der privaten Einlagerung von Nabelschnurblut werden von verschiedenen Seiten immer wieder Zweifel geäußert, ob eine solche Vorsorgemaßnahme tatsächlich sinnvoll sei." In der anschließenden Stellungnahme argumentiert die Organistation in der selben Weise wie in der kritisierten Broschüre: "... die individuelle Aufbewahrung von Stammzellen aus der Nabelschnur eines Neugeborenen [muss] als eine neue Form der Gesundheitsvorsorge und als Versicherung auf die Zukunft betrachtet werden. Wie bei jeder anderen Versicherung hofft man natürlich, dass der Schadensfall nie eintritt. Passiert aber doch etwas, dann ist man ausreichend abgesichert." Um Marketing und Pressearbeit von Vita34 hat sich bis Mai dieses Jahres die Firma Redinomedica, München, gekümmert. Danach sei die zeitlich befristet angelegte Kooperation mit dem Leipziger Unternehmen ausgelaufen, hieß es von Seiten Redinomedicas.

Die Herstellungserlaubnis, die für Herstellung, Aufbewahrung und Herausgabe autologer Stammzellen nötig ist, hat das Regierungspräsidium Leipzig der Firma Vita34 für ganz Deutschland erteilt. Auch dies ist eine umstrittene Entscheidung. Denn nach Auffassung anderer Behörden müssen zur Erteilung der Herstellungserlaubnis die Entnahmestellen benannt werden. Diese sind aber nach dem Verfahren, das Vita34 den Schwangeren zur Entnahme des Nabelschnurbluts anbietet, nicht bekannt. Vita34 informiert über das Procedere nach Vertragsabschluss: "Sie erhalten ein Entnahme-Set zugeschickt", anschließend soll die Schwangere "in der Klinik ankündigen, dass Nabelschnurblut entnommen werden soll". Zur Entbindung soll sie das Entnahme-Set mitbringen und Arzt oder Hebamme informieren. Die ursprüngliche Herstellungserlaubnis listet einige Kliniken außerhalb des Regierungsbezirks auf. Kliniken, die dort nicht aufgeführt sind, meldet Vita34 nach eigenen Angaben "nach".

Die öffentlichen Blutbanken stellen das eingelagerte Nabelschnurblut allen Erkrankten zur Verfügung. Über NETCORD, einem Zusammenschluss der 14 größten allogenen Nabelschnurblutbanken weltweit, sind zum Beispiel derzeit 70.000 Nabelschnurbluttransplantate über eine virtuelle Plattform abrufbar. Die Akkreditierung in dieser Bank erfordert eine außerordentlich hohe Qualität der Transplantate, erklärte Wernet. Die Ergebnisse der Transplantationen werden dokumentiert und international ausgewertet. Im Düsseldorfer Universitätsklinikum, dessen Knochenmarkspenderzentrale an NETCORD beteiligt ist, wurden bislang 150 Nabelschnurblut-Präparate transplantiert. Top

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