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Den Beinen die Last abnehmen

16.08.2004
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.Venenleiden

Den Beinen die Last abnehmen

von Sabine Schellerer, München

Alles begann vor Jahrmillionen, als sich der Mensch auf die Hinterbeine stellte. Seither müssen jeden Tag mehrere Liter Blut gegen die Erdanziehung durch die Venen fließen. Doch dazu brauchen diese dringend Bewegung, andernfalls machen sie schlapp.

17 Prozent aller Deutschen kämpfen mit symptomatischen Venenerkrankungen, bei insgesamt 23 Prozent sind die Venen angeschlagen. Nur 9,6 Prozent der Probanden der Bonner Venenstudie erfreuten sich gesunder Gefäße (1).

Ausgeklügelte Mechanismen arbeiten Hand in Hand, um die Blutsäule aktiv oder passiv zum Herzen zurückzusaugen oder zu pumpen. Als Schleusen versperren taschenförmige Endothelsegel dem Blut den Weg zurück. Soweit der Idealfall. Doch das raffinierte System aus Muskelpumpe und Venenklappen ist extrem störanfällig. Fällt auch nur ein Baustein aus, droht das Blut im Bein zu „versacken“ und presst nun permanent gegen die schwache Venenwand. Dabei belastet der Druckanstieg das gesamte venöse System bis hin zu den eng verzweigten Gefäßen der Endstrombahn.

Die Klappen im Bein können aus unterschiedlichen Gründen ihre Funktionsfähigkeit einbüßen (2, 3). Sitzende und stehende Tätigkeiten, höheres Alter, Übergewicht, Schwangerschaft, Immobilisation, Einnahme hormoneller Kontrazeptiva und Erkrankungen wie Tumoren oder Rechtsherzinsuffizienz gelten als Risikofaktoren. Ohne die Kraft der Muskelpumpe bleibt die Blutsäule im Bein stehen und drückt die Venenwand und dadurch die Endothelsegel auseinander. Außerdem altern die empfindlichen Rückschlagventile im Lauf des Lebens. Manche Menschen kommen mit einer angeborenen Fehlbildung auf die Welt. Vereinzelt zerstören Entzündungen das feine Klappengewebe.

Begrenzte Insuffizienzen wirken sich anfangs nur marginal auf das Gesamtsystem aus. Schlecht funktionierende Klappen in der Peripherie belasten die Hämodynamik weit weniger als ein Schaden in den tiefen Leitvenen (3).

Immer nur der Druck

Wer Venenbeschwerden auf die leichte Schulter nimmt, treibt Raubbau an seinem Körper. 8,86 Millionen Patienten mit schweren Krampfadern bevölkern Deutschlands Arztpraxen (4). Elf Millionen plagen sich mit einer chronischen Veneninsuffizienz Grad 1 bis 3 und 1,2 Millionen mit einem akuten oder abgeheilten Ulcus cruris (4, 12). Die Gesundheitskosten durch Venenleiden werden mit einer Milliarde Euro jährlich geschätzt. 2500 Patienten ziehen sich pro Jahr wegen schwerer Venenprobleme aus dem aktiven Berufsleben zurück, der Volkswirtschaft gehen dadurch 7,2 Millionen Arbeitstage verloren (4, 5).

Fachleute unterscheiden akute Prozesse wie Thrombophlebitis und akute Thrombosen (Kasten) sowie chronische Leiden wie Krampfadern (Varikose) und die chronisch venöse Insuffizienz (1). Eine manifeste chronische Insuffizienz quält die Betroffenen ein Leben lang. Dennoch kann richtiges Verhalten das Übel lindern und schwerste Komplikationen verhindern.

 

Akute Venenleiden Bei einer Thrombophlebitis (T.) entzündet sich die Venenwand; sekundär bilden Blutzellen ein Gerinnsel, das das Lumen verschließt (1). Der betroffene Bereich rötet sich, fühlt sich warm an und schmerzt. Fachleute unterscheiden verschiedene Formen. Bei der T. vulgaris superficialis sitzt der Herd an einem oberflächlichen Gefäß, das vorher makromorphologisch nicht verändert war. Bei einer Varikophlebitis lokalisiert sich das thrombotische Geschehen an einer lädierten Wand einer Krampfader (Varize). Häufig betrifft es die Saphena magna, insbesondere am Knie, oder eine Seitenastvarize. Bei der T. saltans wandert der Entzündungsherd auf den kutanen und subkutanen Venen. Diese Erkrankung kann auf ein Pankreas- oder ein Prostatakarzinom hinweisen.

Per se sind Venenentzündungen harmlos. Dennoch kann sich das Leiden tückischer Weise bis in die tiefen Leitvenen ausdehnen.

Bei einer Phlebothrombose (tiefe Beinvenenthrombose; TVT) verschließt ein Blutpfropf das tiefe Venensystem. Die Patienten spüren im Stehen plötzlich einen stechenden Schmerz im Bein. Das Bein schwillt an und färbt sich bläulich. Die Muskulatur verspannt sich. Schon geringer Druck auf die Extremität schmerzt enorm. Beim Hochlagern lässt die Pein nach. Eine Phlebothrombose kann nach größeren Operationen, als Folge von Verletzungen oder Entzündungen der Venenwand, bei Krampfadern, Schwangerschaft, Estrogenbehandlung, aber auch bei Gerinnungsstörungen durch Protein-C- oder -S-Mangel, bei Tumoren oder einer rheumatischen Erkrankung auftreten. Gefährlich sind längere Unbeweglichkeit, auch während eines Langstreckenflugs oder einer Busreise. Eine TVT endet tödlich, wenn ein dickes Gerinnsel in die Lunge gerät; der Patient gehört deshalb umgehend in die Hand eines Spezialisten.

 

600.000 Thrombosen ereignen sich hierzulande jedes Jahr. Der Mediziner Rudolf Virchow hat bereits 1856 das Risiko einer Gerinnselbildung als Trias aus Umbauten in der Gefäßwand, langsamem Blutfluss und veränderter Blutkonsistenz erkannt. Gefährlich sind Thrombosen dann, wenn sich ein Pfropf löst und in einen Lungenflügel wandert. In Deutschland erleiden jährlich etwa 300.000 Menschen eine Lungenembolie; durchschnittlich 30.000 Patienten sterben daran. Eine andere Komplikation einer Venenthrombose, die sich tückischer Weise oft erst nach Jahren offenbart, ist das postthrombotische Syndrom. Schleichend gehen hier die Klappen zugrunde; dadurch lastet ein ständiger Druck auf dem System. Schließlich entzünden sich die oberflächlichen Gefäße, die Haut verändert sich krankhaft.

Chronisch geschädigt

Die chronisch venöse Insuffizienz (CVI; Kasten) ist die unabänderliche Folge, wenn die entlastenden Mechanismen langfristig versagen und sich eine venöse Hypertonie nicht mehr eindämmen lässt. Der hohe Druck presst Wasser und Proteine aus den Kapillaren ins Gewebe. Schließlich schafft es die Lymphe nicht mehr, die flüssige Last abzutransportieren und das Wasser sammelt sich in den Zellen. Am Ende umschließt Eiweiß die Miniaturgefäße wie eine Manschette. Diese Barriere können weder Sauerstoff noch Nährstoffe durchdringen und das Gewebe stirbt ab (7). Wenn die Mikrozirkulation, die für die venöse Durchblutung unentbehrlich ist, zusammenbricht, schließt sich der Teufelskreis. Denn jetzt tragen die Klappen weiteren Schaden davon. Dabei tauchen Probleme nie am Oberschenkel auf, sondern immer dort, wo der Druck am größten ist – am Unterschenkel und am Fuß.

 

Chronische Krampfaderleiden Das Wort Krampf leitet sich von „krumm“ ab, das von dem altdeutschen Begriff „kriphan“ stammt. Kriphan bedeutet sich krampfhaft zusammenziehen, sich krümmen.

Fachleute unterscheiden eine primäre und eine sekundäre Varikose (ausgedehnte Krampfaderbildung). Hinter der primären Form stecken degenerative Veränderungen der Tunica media oder des kollagenen Fasergerüsts in der Wand oberflächlicher Venen. Bei der sekundären Form beginnt das Leiden damit, dass sich die Venen kompensatorisch ausweiten, weil die tiefen Leitvenen verschlossen sind und das Blut nach neuen Wegen strebt.

Nach morphologischen Gesichtspunkten differenzieren Mediziner unterschiedliche Typen. Eine Stammvarikose schließt alle Veränderungen der Vena saphena magna oder parva ein. Bei der Seitenastvarikose entarten Seitenäste der Rosenvene. Eine Perforantenvarikose bezeichnet funktionsuntüchtige Verbindungsvenen zwischen dem oberflächlichen und dem tiefen System. Bei der retikulären Varikose erweitern sich intrakutane Venen, insbesondere in der Kniekehle oder an der Außenseite von Ober- und Unterschenkel. Besenreiservarizen, also Aufweitungen feinster Hautgefäße oder Venolen, besitzen keinen Krankheitswert.

 

Üblicherweise klassifizieren deutsche Mediziner das Leiden nach Widmer. Grad 1 geht mit Ödemen, Zyanose und Stauungsflecken einher. Bei Grad 2 steht das Ausschwitzen von Eiweiß im Vordergrund. Ganze Hautareale verhärten sich (Dermatosklerose). Durch Hämoglobin entstehen braune Flecken auf der Haut (Hämosiderose) und statt gesundem rosigen Gewebe bilden sich minderwertige, weiße Zellen (Atrophie blanche). Grad 3 beschreibt das akute offene Bein.

Nach der neueren CEAP-Klassifikation aus den USA wird das Leiden hingegen nach den klinischen Hautveränderungen eingeteilt: Im Stadium 0 sind keine Symptome sicht- oder tastbar, während sich im Stadium 6 schwere Hautveränderungen inklusive eines offenen Ulcus cruris zeigen (3).

Akute und chronische Venenleiden gehen nicht selten Hand in Hand. Wenn das Blut nur träge strömt, lagern sich Blutzellen schneller zu Gerinnseln zusammen und versperren dem Blut den Weg zum Herzen. Dadurch steigt der Druck und eine lasche Venenwand dehnt sich weiter.

Dem Leiden auf der Spur

Jeder Patient, der auch beim Laufen über undefinierbare Beinschmerzen oder Wadenkrämpfe klagt, muss umgehend zum Arzt – selbst wenn sich keine dicken Krampfadern am Bein entlang schlängeln. Hier könnte tief in den Venen bereits eine akute Thrombose lauern. Moderne Untersuchungsmethoden erlauben dem Mediziner, ein manifestes Venenleiden differenziert zu beurteilen. Erste Eindrücke vermittelt eine uni- oder bidirektionale Dopplersonographie. Bildgebende Verfahren wie Ultraschalldoppler- und Farbduplexsonographie verfeinern die Diagnostik. Venendruckmessungen und Verschluss-Plethysmographie runden das Prozedere ab (14).

Photo-Plethysmographen und Licht-Reflexionsrheographen erlauben auch in der Apotheke eine globale Bewertung einer venösen Insuffizienz an den unteren Extremitäten, eignen sich aber nicht zur Thrombosediagnostik. Die Geräte messen die Geschwindigkeit, mit der sich die Venen wieder auffüllen. Während in einer gesunden Vene Blut nur von unten her nachfließt, strömt es durch schlappe Klappen zusätzlich von oben ins Gefäß: Die Vene füllt sich entsprechend rascher wieder (5). Neuerdings erlauben es moderne Apparate, den Venenfluss auch unter einem Kompressionsstrumpf zu messen. Dadurch kann ihn der Apotheker noch exakter anpassen.

Kompression macht Druck

Welche Behandlung sich konkret eignet, bestimmen die Beschwerden des Patienten. Krankengymnastik und Lymphdrainage ergänzen die Therapie mit Kompression und Phytopharmaka. Chirurgische Maßnahmen und Verödung beseitigen hämodynamisch relevante Refluxstrecken im epi- und transfaszialen System.

Ohne Kompression lässt sich eine chronisch venöse Insuffizienz kaum beherrschen. Ähnlich steht es um die Prognose nach einer Phlebothrombose. Während nach einer akuten Verstopfung der Adern nur 30 Prozent der Strumpfträger ein postthrombotisches Syndrom entwickeln, leiden 70 Prozent der Patienten ohne Strümpfe später an dieser schweren Folgeerkrankung.

Ein Kompressionsstrumpf oder -verband bietet der Muskelpumpe einen festen Widerstand und bringt ausgeleierte Gefäße wieder in Form. Das Lumen verengt sich und die Endothelsegel schließen wieder dicht. Zudem presst er Wasser aus dem Gewebe. Dabei ist der Druck auf die oberflächlichen Adern am höchsten. Schäden im tiefen Venensystem fordern einen festeren Andruck. Ein Kompressionsstrumpf verdoppelt bis verzehnfacht die Geschwindigkeit des Blutflusses und bringt die Mikrozirkulation im Gewebe wieder in Gang. Der permanente Druck von außen kurbelt zudem die fibrinolytische Aktivität der Venenwand an.

Patienten mit arterieller Verschlusskrankheit, koronaren Herzleiden und Bluthochdruck dürfen keine Kompressionsstrümpfe tragen. Eingeschränkt anwenden lässt sich diese Therapie bei arthrotischen Gelenkprozessen, Ischialgien oder Muskelatrophie, ferner bei Adipositas, nässenden Dermatosen oder einer fortgeschrittenen Neuropathie im Rahmen eines Diabetes mellitus. Weil der Kompressionsstrumpf die körpereigenen Sprunggelenk- und Wadenmuskeln unterstützt, müssen sich die Patienten konsequent bewegen.

Weniger als die Hälfte aller Patienten trägt die Strümpfe konsequent, haftet ihnen doch nach wie vor das Negativimage hautfarbener Gummistrümpfe aus Großmutters Zeiten an. Dabei muss unter den modernen Mikrofasern heute niemand mehr schwitzen. Elegante Farben überzeugen auch modebewusste Frauen.

Beim Anziehen sollten Frauen mit langen Fingernägeln und Schmuck vorsichtig sein. Auch reagieren die Strümpfe empfindlich, wenn man sie überdehnt. Anziehhilfen wie noppenbesetzte Handschuhe, Gleitsocken oder spezielle Metallgestelle helfen, sie schonend über die Gliedmaßen zu stülpen, auch wenn man Probleme mit dem Greifen oder Bücken hat. Es empfiehlt sich, Kompressionsstrümpfe täglich zu waschen, da Schweiß und Schmutz das Material angreifen. In den Trockner gehören sie allerdings nicht. Öle, Fette, Cremes, Lösungsmittel oder Fleckenwasser zerstören das Gewebe (6). Ein Kompressionsstrumpf hält etwa ein halbes Jahr. Weil schlecht sitzende Strümpfe Hautnekrosen und Druckschäden hinterlassen und einschnürende Modelle Thrombosen begünstigen, muss sie ein Fachmann sachgerecht anpassen.

Neben der Kompression mit Strümpfen gibt es noch andere trickreiche Systeme, die einen Druck am Bein aufbauen. So legen die Patienten bei einer apparativen intermittierenden Kompressionsbehandlung beide Beine in aufblasbare Manschetten (8). In drei Druckkammern, die intermittierend aufgeblasen und abgelassen werden, baut sich abwechselnd ein hoher und niedriger Druck auf die Gliedmaßen auf. Die Pumpstiefel eignen sich für Patienten mit permanent geschwollenen Beinen, ferner bei schwerer Insuffizienz oder lymphatischer Abflussstörung. Dass sich der Mensch auf einem Venenpolster in der Fußsohle vorwärts bewegt, nützt eine Schuheinlage (Beispiel: Venoped). Sie presst beim Laufen Blut aus dem dichten feinmaschigen Gefäßnetz, das dadurch besser abtransportiert wird.

Phytopharmaka contra Ödeme

Neben den ungünstigen hämodynamischen Bedingungen in den unteren Extremitäten begünstigen auch aktive zelluläre und biochemische Prozesse in den Venolen eine CVI. Was sich in den winzigen Blutbahnen abspielt, können Forscher neuerdings im Rasterelektronenmikroskop an gezüchteten venolären Endothelzellen von Rattenherzen beobachten (18).

Wie alle Gefäße kleidet auch die mikroskopisch kleinen Venolen ein dichter Rasen aus Endothelzellen aus. Strömt das Blut mit normaler Geschwindigkeit vorbei, halten Hemmstoffe, die die Endothelbarriere aussendet, Thrombozyten und Leukozyten in Schach. Stockt der Blutfluss, gewinnen Entzündungsmediatoren die Überhand. Jetzt ankern aktivierte Blutzellen am Endothel, das sich stark zusammenzieht. Breite Interzellularspalten reißen auf, durch die Wasser ins Gewebe sickert (9, 10, 11).

Hier setzen die Ödemprotektiva an (Kasten). Denn Saponine aus Rosskastaniensamen und Mäusedorn, Flavonoide aus rotem Weinlaub oder Hamamelis, Rutoside aus Buchweizen und Cumarine aus Steinklee können Schäden an der Endothelbarriere der Endstrombahn zumindest teilweise beheben oder verhüten, dass der Rasen noch undichter wird. Die Phytopharmaka lagern sich selektiv in die löchrigen Membranen ein und stopfen das Endothel. Sie schwemmen Ödeme aus und verbessern Mikrozirkulation und Sauerstoffversorgung im Gewebe. Dadurch verhindern sie die Progression einer chronisch venösen Insuffizienz.

 

Phytopharmaka bei venöser InsuffizienzRosskastaniensamen

Der Samen der Rosskastanie liefert ein komplexes Gemisch aus Triterpensaponinen (21). Kernstück der klinischen Wirksamkeit ist b-Aescin – ein Gemisch aus etwa 30 Einzelkomponenten. Der Extrakt (RKSE) wirkt antiexsudativ, dichtet also Gefäße ab, und verbessert die Mikrozirkulation (12). Untersuchungen haben gezeigt, dass Aescin die lysosomalen Enzyme Elastase und Hyaluronidase hemmt und dadurch den Abbau von Proteoglykanen im Bindegewebe verhindert. Zusätzlich zügelt der Wirkstoff die inflammatorische Aktivität der Leukozyten.

Zahlreiche randomisierte placebokontrollierte Studien mit RKSE-Monopräparaten beschreiben das Phytopharmakon als effektiv und sicher bei CVI (12, 13). So legten sich in sechs placebokontrollierten Studien Beinschmerzen, in vier Studien schwand das Beinvolumen um durchschnittlich 58,6 ml, bei einer Studie um 42, 4 mm (20). Eine zwölfwöchige Behandlungsdauer mit Aescin reduzierte Ödeme der unteren Extremität ebenso gut wie ein Kompressionsstrumpf (21). Allerdings erreichte ein Strumpf den optimalen Effekt bereits nach vier Wochen, während das Phytopräparat wesentlich länger brauchte. Nees et al. (11) beobachteten in Gewebekulturmodellen, wie ein Extrakt aus Rosskastaniensamen das Venenendothel repariert.

Laut Positivmonographie der Kommission E nimmt man 100 mg (2 x 50 mg) Aescin als Reinsubstanz oder 250 bis 312 mg Extrakt pro Tag ein. Da der Wirkstoff den Magen reizt, eignen sich retardierte Arzneiformen. .

Steinklee

Nach der Ernte wandeln pflanzeneigene Enzyme die geruchlosen Glycoside im Steinklee in Melilotin und andere Cumarine um (12). Der Extrakt aus Melilotum officinale und altissimum wirkt entzündungshemmend, spasmolytisch, antiexsudativ, steigert den Blutfluss sowie Tonus der Lymphgefäße. Die empfohlene Dosis beträgt 30 mg Cumarin am Tag. Zwar existieren zum Steinklee keine wissenschaftlichen Studien bei CVI, doch hat die Kommission E dem auf Cumarin standardisierten Extrakt eine Positivmonographie gewidmet. Eine Studie zeigt, dass ein Kombinationspräparat (Beispiel: Venalot) begleitend zu einer Kompression den Verlauf einer chronisch venösen Insuffizienz günstig beeinflusst (5).

Rotes Weinlaub

Die Blätter der Weinrebe Vitis vinifera L. enthalten Flavonoide, besonders Isoquercetin und diverse Quercetin-3-O-b-Glucuronide. Die gelben Farbstoffe schützen das Venenepithel, indem sie Membranen stabilisieren, deren Elastizität steigern und die Gefäßpermeabilität erhöhen. Zudem machen die leicht oxidierbaren Polyphenole aggressive Entzündungszellen unschädlich. Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie an 257 Patienten mit CVI Grad 1 bis 3 zeigte, dass das Verum effektiv Wasser aus dem Bein schwemmt (19). Bei einer Dosis von 360 mg war das Bein um etwa 76 ml, bei 720 mg um etwa 100 ml Flüssigkeit leichter. Eine andere doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Crossover-Studie (17) demonstrierte, dass sich der Blutfluss signifikant verbesserte und der transkutane Sauerstoffdruck wieder anstieg. Dabei hält der positive Effekt nur während der Therapie an. Wenn die Patienten den Extrakt länger als zwölf Wochen einnehmen, steigt die Effektivität wohl noch.

Mäusedornwurzel

Auch Ruscus aculeatus enthält Steroidsaponine mit ödem- und entzündungshemmender Wirkung (12). Die Kommission E hat die Arzneipflanze des Jahres 2002 zur unterstützenden Therapie von Schmerzen und Schweregefühl in den Beinen, nächtlichen Wadenkrämpfen, Juckreiz und Schwellung bei einer CVI positiv monographiert. In einer randomisierten Studie an 166 Frauen mit einer CVI Grad 1 bis 3 minderte das Phytopharmakon das Beinvolumen um etwa 25 ml gegenüber Placebo. Empfohlen werden 70 bis 75 mg Trockenextrakt am Tag, standardisiert auf 7 bis 11 mg Gesamtruscogenin.

Buchweizenkraut

Ein halber Liter Buchweizentee täglich tut angeschlagenen Venen gut (12). Die Blätter und Blüten von Fagopyrum esculentum enthalten bis zu sechs Prozent Rutin. Partialsynthetisch gewinnt man daraus O-(b-Hydroxyethyl)-rutoside oder Oxerutine, die sich besser in Wasser lösen als Rutin.

Rutoside schleusen Wasser aus dem Gewebe und vermindern die Permeabilität der Membranen. In einer randomisierten, placebokontrollierten, doppelblinden Studie an 81 Patienten mit einer CVI Grad 1 oder 2 schmälerten dreimal 1000 mg Buchweizenkraut oder dreimal 60 mg Troxerutin ein ödematöses Bein um 62 ml. Auch bei dieser Flavonoiddroge scheint die maximale Therapieeffektivität nach zwölf Wochen noch nicht erreicht zu sein.

Der japanische Schnurbaum (Sophora japonica) liefert ebenfalls venenfreundliche Rutoside. Die ideale Tagesdosis an Oxerutin beträgt 500 bis 1000 mg, die von Troxerutin 750 bis 1500 mg.

 

Die Pflanzen sind im Anfangsstadium der Erkrankung oder begleitend zur Kompression indiziert, ferner, wenn physikalische Maßnahmen keinen anhaltenden Erfolg garantieren oder vor langen Flug- oder Busreisen. Valide klinische Studien belegen, dass die Wirkstoffe eine CVI Grad 1 bis 3 ebenso erfolgreich behandeln wie ein Strumpf der Klasse 2. Eine Kombination aus Druck und Ödemprotektion ist einer Kompression allein sogar überlegen (12). Diese Medikamente eignen sich zur Dauer- und als Intervalltherapie sowie für Schwangere. Um einen optimalen Effekt zu erzielen, müssen die Patienten die Mittel ausreichend hoch dosieren und möglichst lange Zeit schlucken. Da eine CVI die Betroffenen besonders während der heißen Jahreszeit quält, sollte die Einnahme bereits einige Wochen vor Beginn des Sommers beginnen.

Weil Diuretika das Blut verdicken und dadurch Thrombosen Vorschub leisten, eignen sich die Medikamente nur kurzfristig, um ein akutes Stauungsödem auszuschwemmen. Besonders Thiaziddiuretika gewährleisten eine schonende und protrahierte Diurese (13).

Topische Venenmittel tauchen in den phlebologischen Leitlinien nicht mehr auf (14). Dennoch empfinden die Patienten mit oberflächlichen Gefäßentzündungen (Phlebitiden) sie als Wohltat. Denn durch die Kälte ziehen sich die Gefäße kurzzeitig zusammen, Druck und Schmerz lassen etwas nach.

Hoher Preis für Kinderwunsch

Von den 3072 Probanden der Bonner Venenstudie (1) quälte 12,4 Prozent der Männer, aber 15,8 Prozent der Frauen eine Varikose. Bei jedem sechsten Mann und jeder zweiten Frau schwollen die Beine regelmäßig an. In der Vergangenheit hatte jeder 53. Mann und jede 26. Frau eine Beinvenenthrombose erlitten.

Zwar sind Krampfadern per se keine typische Frauenkrankheit. Dass Fachleute das Leiden im Verhältnis 3,5 zu 1,5 bei Frauen diagnostizieren, liegt wohl auch daran, dass der kosmetische Leidensdruck sie schneller zum Phlebologen treibt als die Männer. Außerdem gibt es Situationen im Leben einer Frau, die die Venen extrem belasten und Thrombosen Vorschub leisten (15). So wirken sich die Antibabypille, insbesondere Präparate mit einem Gestagen der dritten Generation, oder eine Hormonersatztherapie, aber auch eine Behandlung mit Tamoxifen oder die hormonelle Stimulation mit Clomifem und Gonadotropinen negativ auf die Venen aus, vor allem in Bezug auf Thrombosen.

Das Risiko einer Frau schnellt mit Anzahl der Geburten in die Höhe. Während nur 30 Prozent der Mütter nach ihrem ersten Kind mit Venenproblemen zu kämpfen haben, sind es 60 Prozent der Mehrfachgebärenden.

In der Schwangerschaft herrschen extreme hämodynamische Bedingungen. Das Blut fließt noch träger durch die Adern; Estrogene machen das Kapillarbett besonders durchlässig. Die schwere Gebärmutter lastet auf den Blutbahnen und treibt den venösen Druck in die Höhe. Damit sich die Gebärmutter hinreichend dehnen kann, verändert sich der Tonus der glatten Muskulatur. Durch Progesteron wird das Bindegewebe weich und elastisch. Dabei büßen die Venenwände ihre Wandspannung praktisch vollständig ein. Das Blutvolumen nimmt um 20 Prozent zu; Zusammensetzung und Gerinnungsfähigkeit verändern sich. Denn der mütterliche Organismus muss das Kind optimal versorgen können und sollte zudem einen massiven Blutverlust während der Geburt rasch ausgleichen.

Wenn Frauen über chronische unspezifische Schmerzen im Becken klagen, können schwache Beckenvenen die Auslöser sein (16). In der Schwangerschaft müssen diese ein 60fach erhöhtes Blutvolumen transportieren; die Vena ovarica kann sich von 3 auf satte 25 mm aufdehnen. Weil im Becken physiologisch nur wenige Klappen die Blutsäule teilen, staut sich dort das Blut recht schnell. Frauen mit einem Beckenvenensyndrom gehören umgehend in die Hand eines Spezialisten.

Jugend beim Phlebologen

Übergewicht und stundenlanges Sitzen vor Computer oder Fernseher belasten selbst junge Venen. 10 Prozent aller Zehn- bis Zwölfjährigen und 30 Prozent der 16-Jährigen zeigen bereits erste Anzeichen einer Venenschwäche. Dabei brachten Reihenuntersuchungen in Schulen zu Tage, dass sich bei den Jüngeren zwar noch keine Varizen schlängeln, sich aber ein beginnender Reflux der Stammvene manifestiert. Bei den älteren Jugendlichen machen sich in 1,7 Prozent der Fälle Stammvenenvarizen, bei 0,8 Prozent Seitenastvarizen und bei 12,3 Prozent ein Refluxproblem der Saphena magna bemerkbar (4).

Alle jungen Patienten mit schwachen Venen sollten regelmäßig Sport treiben und dringend ihr Gewicht reduzieren. Ob eine Therapie Not tut, entscheidet der Phlebologe im Einzelfall. Welchen Beruf sie später ergreifen, sollten sich venengeschädigte Jugendliche genau überlegen.

Hinter schweren Venenleiden im frühen Kindesalter können auch extrem seltene, angeborene Missbildungen epifaszialer Stammvenen, so genannte kongenitale Angiodysplasien, stecken. Hier sollten Mediziner rasch handeln, damit die betroffene Extremität nicht unverhältnismäßig wächst. Für die kleinen Patienten eignen sich schonende und schnittfreie Operationstechniken.

Konsequent behandeln

Ärzte, Apotheker und Patienten sollten Venenleiden ernst nehmen und eine Therapie nicht auf die lange Bank schieben. Reißt nämlich ein Pfropf von der labilen Venenwand und verirrt sich in die Lunge, endet das Volksleiden schnell tödlich. Zwar fehlt nach wie vor eine ursächliche Behandlung und Kompression und Phytopharmaka zaubern aus einer kaputten Vene keine gesunde Ader. Aber konsequente Maßnahmen wenden größere Schäden ab. Unerlässlich für jeden Venenkranken: sich ausreichend bewegen und eventuelles Übergewicht abspecken.

 

Literatur

  1. Rabe, E., et al., Bonner Venenstudie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie. Phlebologie 1 (2003) 1-14.
  2. Hach, W., Die Geschichte der venösen Thrombose. Phlebologie 2 (2002) 56-62.
  3. Rabe, E., Grundlage der Phlebologie. Viavital Verlag Köln 2003.
  4. Netzer, C. O., Knips, J., Sozio-ökonomische Bedeutung der Therapie mit medizinischen Kompressionsstrümpfen im Verlauf venöser Beinleiden. Systematic review – GMP basiert. Medical Concept GmbH, 25. Sept. 2003.
  5. Geschwächte Venen-Kompetente Versorgung durch die Apotheke. Seminarfortbildung Bayer. LAK, München, 2004.
  6. AWMF Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Phlebologie – Medizinischer Kompressionsstrumpf (MKS). Überarb. 6. Mai 2004.
  7. Brandes, R., Physiologie und Pathophysiologie der Venen. Vortrag beim PZ-Akademie Kongress, Eschborn, 26. Juni 2004
  8. Morck, H., Nicht medikamentöse Maßnahmen bei Venenleiden. Vortrag beim PZ-Akademie Kongress, Eschborn, 26. Juni 2004.
  9. Wolf, E., Bei Ödemprotektiva auf dem Laufenden. Pharm. Ztg. 147, Nr. 19 (2002) 15-24.
  10. Nees, S., Paulus, S., Rosskastanie macht das Endothel wieder dicht. Pharm. Ztg. 149, Nr. 21 (2004) 28-30.
  11. Nees, S., et al, Neue Aspekte zur Pathogenese und Therapie chronisch peripherer Venenleiden. Fortschr. Fortb. Medizin, Bd. 24 Sonderdruck (2000/2001) 3-20.
  12. Kiesewetter, H., Phytopharmaka-Einsatz bei Venenerkrankungen. Vortrag beim PZ-Akademie Kongress, Eschborn, 26. Juni 2004.
  13. Chronische Veneninsuffizienz – Therapieempfehlungen des Berufsverbandes der praktizierenden Phlebologen. Forschung und Praxis Sonderdruck Nr. 164 (1993).
  14. AWMF Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Phlebologie – Leitlinie zur primären Varikose. Stand 30. Januar 1998.
  15. Pressekonferenz: Venenleiden der Frau – Wege aus der Sackgasse. Komitee Forschung Naturmedizin, München, 26. Mai 2004.
  16. Scultetus, A. H., et al., Das weibliche Beckenvenensyndrom – eine Übersicht. Phlebologie 2 (2003) 37-43.
  17. Kalus, U., et al., Improvement of Cutaneous Microcirculation and Oxygen Supply in Patients with Chronic Venous Insufficiency by Orally Administered Extract of Red Vine Leaves AS 195. Drugs R & D 5, Nr. 2 (2004) 63-71.
  18. Nees, S., et al., Protective Effects of Flavonoids Contained in the Red Vine Leaf on Venular Endothelium against the Attack of Activated Blood Components in vitro. Arzneim. Forschg. Drug Res. 53, Nr. 5 (2003) 330-341.
  19. Kiesewetter, H., et al., Efficacy of Orally Administered Extract of Red Vine Leaf AS 195 (folia vitis viniferae) in Chronic Venous Insufficiency (Stages I-II). Arzneim. Forschg. Drug Res. 50 (I) 2 (2000) 109-117.
  20. Pittler, M. H., Ernst, E., Horse chestnut seed extract for chronic venous insufficiency. Cochrane Library 4 (2002).
  21. Diehm, C., Comparison of leg compression stocking and oral horse-chestnut seed extract therapy in patients with chronic venous insufficiency. Lancet 347 (1996) 292-294.
  22. Cesare, R. S., Aescin Pharmacology, Pharmacokinetics and Therapeutic Profile. Pharmacol. Res. 44, Nr. 3 (2001) 183-193.

 

Die Autorin

Sabine Schellerer studierte in München Pharmazie und erhielt 1993 ihre Approbation. Von 1994 bis 2000 arbeitete sie am Institut für Rechtsmedizin der Universität München an ihrer Promotion und war während dieser Zeit auch in öffentlichen Apotheken tätig. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Fachzeitschriftenredakteurin sowie Praktika in mehreren Verlagen. Seit Mitte 2002 ist Dr. Schellerer freiberuflich als Wissenschafts- und Medizinjournalistin tätig.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Sabine Schellerer
Wichertstraße 13
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[email protected]

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