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Altern und Sterben sind keine unerwünschten Nebenwirkungen

09.10.2000
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GERIATRIE KONGRESS

Altern und Sterben sind keine unerwünschten Nebenwirkungen

von Gisela Stieve, Nürnberg

Altern und Sterben müssen als Teil des Lebens verstanden werden und nicht als eine "unerwünschte Nebenwirkung". Bei der dreitägigen Fachtagung "Altern im 21. Jahrhundert" der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) rief der DGGG-Präsident, Professor Dr. Wolf Oswald, Universität Erlangen Nürnberg, dazu auf, eine für alle Altersgruppen lebenswerte Welt zu bauen. In Nürnberg nahmen weit über 800 Experten am Geriatrie Kongress teil.

Die Industriegesellschaften stehen nach Oswalds Worten vor gewaltigen Problemen, die sich aus dem demographischen Umbau ergeben. Während 1880 auf einen über 80-Jährigen noch 99 jüngere Menschen kamen, werden es 2030 wahrscheinlich noch 15 sein. Damit reduziere sich auch das soziale Netz an potentiellen Helfern im Pflegefall, so dass Prävention und Hilfe zur Selbsthilfe immer stärker in den Brennpunkt der interdisziplinären wissenschaftlichen Bemühungen rücken müssen. Demnächst solle ein Dachverband der gerontologisch-geriatrischen Fachgesellschaften mit derzeit rund 3500 Mitgliedern gegründet werden.

Ministerialdirigent Eduard Tack, Leiter der Abteilung Ältere Menschen, Wohlfahrtspflege im Bundesministerium für Familie, Senioren und Frauen, erinnerte daran, dass sich seit der Amtszeit von Professor Ursula Lehr im Jahr 1988 – die Bundesministerin war Gerontologin – viel politisch bewegt habe. In ihrer Amtszeit war der erste Altenbericht der Bundesregierung erstellt worden, derzeit sei der dritte in Arbeit. Heute werde unter anderem eine bundeseinheitliche Regelung der Ausbildung der Pflegeberufe angestrebt, die Verabschiedung eines Altenpflegegesetzes stehe ebenso an wie die Novellierung des Heimgesetzes, das dann Heimbewohnerschutzgesetz heißen wird.

Als eindeutige Verlierer der Gesundheitsreform bezeichnete Professor Dr. Ingo Füsgen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, die alten Menschen. Alter gehe einher mit Funktionsverlusten. Das herrschende System der Budgetierung grenze alte Menschen aus oder benachteilige sie einseitig. Nur 18 Prozent der gesetzlich versicherten Alzheimer-Patienten bekämen das wirksamste Medikament. Bei den Privatversicherten seien es mit 35 Prozent fast doppelt so viele. Durch die Budgetierung würden manche Krankheiten tabuisiert, weil Ärzte nicht wüssten, wie sie bestimmte Diagnosen und Behandlungen abrechnen könnten. Ziel der Geriatrie sei es, den Jahren Leben und nicht dem Leben Jahre zu geben, erklärte Füsgen. Damit wollten sich Geriater von "Organmedizinern" abgrenzen. Im Mittelpunkt stehe de ganze Mensch und nicht das einzelne Organ.

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung könnte für Ernst-Ulrich von Weizsäcker (SPD) eine freiwillige Erwerbsarbeit in der dritten Lebensphase ein interessantes Zukunftsmodell sein. Überhaupt müsse man sich dem Thema anthropologisch nähern. Ein Mensch über 70 sei immer noch ganz Mensch und nicht nur Rentner oder Versorgungsfall. "Man stelle sich vor, Picasso, Mutter Theresa oder Adenauer hätten mit 65 Jahren aufgehört zu arbeiten", so von Weizsäcker. Er könne sich vorstellen, dass im Zuge der Nachbarschaftshilfe ein Mann mit 70 ein benachbartes Ehepaar im Alter von 88 und 85 Jahren mit einigen Handreichungen und Erledigungen unterstützt und dafür auch ein Honorar von 1500 DM bekommt. Davon könnten zum Beispiel 500 DM auf seine Rente angerechnet werden. Allen Beteiligten wäre geholfen, die einen müssten nicht in ein Heim, der andere hätte eine Aufgabe und Beschäftigung, die seinen Geist forderten. Von Weizsäcker reif in diesem Zusammenhang zu mehr Kreativität und Fantasie in der Entwicklung von Zukunftsmodellen auf. Top

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