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Die Erkältung in Schach halten

08.11.2004
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Die Erkältung in Schach halten

von Conny Becker, Berlin

Durchschnittlich zwei- bis viermal pro Jahr setzen Erkältungen einen Erwachsenen außer Gefecht, Kinder sogar zehn- bis zwölfmal. Rat und Hilfe, wie sie den lästigen Symptomen zu Leibe rücken können, suchen die Leidgeplagten in der Apotheke.

Herbstzeit – Erkältungszeit. Wieder „geben sich schniefende und hustende Apothekenkunden Tag für Tag die Klinke in die Hand“ und versorgen dabei ihr Umfeld über Aerosole, vor allem aber per Handkontakt mit den viralen Erregern, erinnerte Sabine Schellerer auf der gemeinsamen Fortbildung der Ärztekammer und der Apothekerkammer Berlin. Dennoch können Erkältungssymptome auch eine andere Ursache haben und von Medikamenten hervorgerufen sein, was es somit in der Apotheke abzuklären gilt. „Hinter Schnupfen oder einer verstopften Nase können Doxepin, Clonidin, Dihydralazin oder Methyldopa stecken“, erklärte die Münchner Pharmazeutin. Anticholinergika wie tricyclische Antidepressiva und Neuroleptika können Halsschmerzen, ACE-Hemmer Husten hervorrufen. Und über Kopfschmerzen klagen häufig Patienten, die Blutdruck senkende Mittel wie Nitrate, Calciumantagonisten, Molsidomin oder Clonidin, weibliche Hormone, Coffein oder Ergotamin einnehmen.

Empfehlenswerte Symptomlinderer

Plagt einen Kunden nun ein echter Erkältungsschnupfen, verschaffen ihm vor allem lang wirksame Imidazolinderivate wie Xylometazolin und Oxymetazolin Linderung. Dabei sollte er wissen, das zwei bis drei Gaben täglich in höchstens einer Woche reichen müssen. „Patienten mit schwerer KHK, Hypertonie, Hyperthyreose, Engwinkelglaukom, aber auch Diabetes sollten lokal gefäßverengende Mittel mit Vorsicht verwenden“, so Schellerer. Meersalz- oder isotonische Kochsalzlösungen helfen, die Schlagkraft der Zilien zu erhöhen. Ein Tipp: Bei trockener Heizungsluft schon prophylaktisch in die Nase träufeln. Dexpanthenol lässt blutende, schmerzende Borken und Risse schneller heilen.

„Kritisch zu bewerten sind Antihistaminika“, sagte die Referentin. Zwar trocknen Vertreter der ersten Generation das störende Sekret ein, der Belag bleibt jedoch und macht Beschwerden. Daher seien sie bei Erkältungspatienten nur dem nicht stillbaren Fließschnupfen und ihre Verordnung dem Arzt vorbehalten. Nicht empfehlenswert seien Ephedrin, perorale Schnupfenmittel mit ihren verstärkten Kontraindikationen sowie Nasenöle, die die Flimmerhärchen verkleben.

Zum Arzt müssen Patienten, die ein chronischer Schnupfen plagt. Auch bei gelb-grünlichem, eitrigem Schleim und Ohrenschmerzen oder einem länger als eine Woche dauernden Schnupfen mit Fieber und Schmerzen hinter der Stirn sind die Grenzen der Selbstmedikation erreicht. Hier könnte sich eine Sinusitis entwickelt haben.

„Husten ist ein sinnvoller Schutzreflex und Reinigungsmechanismus und sollte nicht in jedem Fall wegtherapiert werden“, so die Referentin. Bei einem Reizhusten könne man aber – außer bei schwangeren und stillenden Frauen – Präparate mit Clobutinol, Pentoxyverin oder Dropropizin empfehlen. Bei Dextrometorphan müssten Apotheker die Wechselwirkung mit MAO-Hemmern berücksichtigen: Hier kann es zu schweren Erregungszuständen kommen. Die Substanz können aber auch Schwangere ab dem zweiten Trimenon anwenden. Diese Antitussiva sollten wie auch Codein nur in den ersten Tagen, das heißt nicht bei produktivem Husten eingenommen werden. Bei einer Wirkdauer von vier bis sechs Stunden verschaffen sie den Patienten einen erholsamen Schlaf.

Ob Sekretolytika wie Ambroxol, Bromhexin oder Acetylcystein wirklich nützen, ist laut Schellerer in Fachkreisen umstritten, da ihre Wirkung eher in vitro als in vivo nachgewiesen ist. Die Studienlage sei dürftig und vor allem für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse. Husten-Patienten sollten mindestens zwei Liter pro Tag trinken und bei der Einnahme von Antitussiva auf eine eventuell verminderte Konzentrationsfähigkeit achten. In der Apotheke gilt es, bei der Auswahl auf eine sinnvolle Kombination in Hustensäften sowie den Gehalt von Zucker (Diabetiker) und Alkohol (Kinder, Schwangere, Leberschaden, Anfallsleiden, Alkoholentzug, Wechselwirkungen) zu schauen. Als nicht empfehlenswert bezeichnete die Referentin feste Kombinationen aus Expectorans und Antibiotikum, das vielmehr individuell kombiniert werden sollte. „Schlechte Noten“ vergab sie auch für Guaifenesin wegen des großen Überempfindlichkeitsrisikos und Antihistaminika, da ihre die Schleimhäute austrocknende Wirkung bei Husten kontraproduktiv ist.

Problemfall Halsschmerzen

Schwer zu therapieren sind die Schmerzen im Hals: „Am besten empfiehlt man einfache Hustenbonbons. Denn der Speichel spült virusbesetzte Belege herunter und auch weitere Erreger können schlechter andocken“, sagte Schellerer. Hilfreich bei starken Schmerzen sind Lutschtabletten mit Lidocain, Polidocanol oder Ambroxol, das ebenfalls lokalanästhetisch wirkt. Dagegen seien antimikrobiell wirksame Präparate mit Chlorhexidin oder Dequaliniumchlorid bei den viral bedingten Beschwerden kontraproduktiv, da sie lediglich die physiologischen Bakterien schädigen. Und selbst wenn sich zusätzlich bakterielle Erreger auf die Schleimhäute gesetzt haben, helfen Lutschtabletten mit Thyrotricin nicht, da das Antibiotikum unterdosiert ist und die Erreger in den Schleimhautfurchen häufig gar nicht erreicht. Auch Präparate mit Cetylpyridiniumchlorid oder Fusafungin seien nicht zu empfehlen.

Kopf- und Gliederschmerzen bekämpfen Patienten am besten mit Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen, je nach Komedikation und Kontraindikationen. Von kombinierten Grippemitteln riet Schellerer ab. Eine begrenzte Anzahl von Arzneistoffen, die den Symptomen entsprechen, erreiche mehr als „eine Schrotschusstherapie“.

Alleskönner Pflanzenpräparate

Natürliche Vielstoffgemische sind bei Erkältungskrankheiten hingegen nicht nur beliebt, sondern auch empfehlenswert. Dabei bieten sich bei trockenem Husten Mittel mit Wollblume, Spitzwegerich- oder Sonnentaukraut an, aber auch mit Malvenblüten, Eibischwurzeln, Isländisch Moos oder Huflattichblätter. Bei der Abgabe sollte man den Patienten darauf hinweisen, die Präparate nicht zusammen mit schlecht resorbierbaren Arzneimitteln oder solchen mit geringer therapeutischer Breite einzunehmen. Denn die reizlindernden Schleimstoffdrogen können die Resorption behindern, ebenso wie die expectorierend wirkenden Saponindrogen. Produktiven Husten unterstützen neben Efeublättern, Primel- oder Senegawurzel auch Ätherisch-Öl-Drogen aus Anis, Fenchel, Eukalyptus oder Thymian. Menthol, Campher, Cineol, Eukalyptusöl sowie Kamillenblüten sorgen zudem für freies Durchatmen bei Rhinitis. Daher bietet es sich an, entsprechende Präparate während der ersten Krankheitstage zu inhalieren, adjuvant zu α-Sympathomimetika. Unkomplizierte Entzündungen der Nasennebenhöhlen können Betroffene mit standardisiertem Myrtol, den Enzymen Bromelain oder Papain sowie der fixen Kombination aus Enzianwurzel, Schlüsselblumen- und Holunderblüten, Eisen- sowie Ampferkraut in den Griff bekommen. Beschwerden in Hals und Rachen lindern zum Beispiel Isländisch Moos, Kamillenblüten, Salbeiblätter oder Thymiankraut (besonders bei Heiserkeit). „Umckaloabo hat sich zum Mittel der ersten Wahl im Hals-, Nasen- und Ohrenbereich entwickelt“, stellte die Referentin fest. Für den ethanolischen Wurzelextrakt aus Pelargonium reniforme und sidoides, der antibakteriell, immunstimulierend und schleimlösend wirken soll, exsistiert jedoch keine Monographie der Kommission E. Vorsicht sei geboten, wenn Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko das Präparat einnehmen, da es Cumarine enthält.

Kindern richtig helfen

Nicht nur zwei- bis viermal wie Erwachsene, sondern zehn- bis zwölfmal müssen sich Kinder pro Jahr mit einer Erkältung herumschlagen. Ein Schnupfen kann hier mit altersgerechten, abschwellenden Nasentropfen bekämpft werden. Vor allem bei Säuglingen sollten Apotheker aber lieber zu Salzlösungen (als Spray oder Inhalation) raten, da α-Sympathomimetika Blutdruck und Herzfrequenz der Kleinsten in die Höhe treibt, so Schellerer. Sie warnte vor der Anwendung öliger Nasentropfen, da Kinder diese aspirieren können, wodurch das alveoläre Gewebe geschädigt wird.

Bei einem kindlichen Husten können vor allem Pflanzenpräparate mit Efeublättern, Thymiankraut oder Primelblüten helfen; Primelwurzel würde auf Grund ihres hohen Saponingehalts von den kleinen Mägen schlecht vertragen, so Schellerer. Clobutinol dämpft hier einen Reizhusten; von den Sekretolytika kann, wenn unbedingt gewünscht, Ambroxol gegeben werden. Generell gelte es, bei Hustenmitteln die jeweilige Altersbeschränkung und einen möglichen Alkoholgehalt zu beachten. Ätherische Öle können bei Kindern eine so starke Schleimproduktion anregen, dass sie diesen nicht mehr abhusten können, warnte die Referentin. Wegen der Gefahr eines Glottiskrampfs oder Bronchospasmus dürfen Campher, Menthol, Minzöl. Eukalyptus und Fichtennadeln nicht in der Nähe von Mund und Nase angewandt werden.

Besonders schwierig sind Halsschmerzen kleiner Kinder zu lindern, da sie erst noch lernen müssen, Pastillen mit Spitzwegerich oder Isländisch Moos zu lutschen oder Salbeitee zu gurgeln. Als Schmerz- und Fiebermittel dienen Paracetamol und Ibuprofen; Acetylsalicylsäure ist wegen der Gefahr des Reye-Syndroms mit schweren Hirn- und Leberschäden bei Kindern tabu. Auf pflanzlichem Weg kann man den häufig fiebernden Kleinen mit Linden-, Holunder- oder Mädesüßblüten zur normalen Temperatur verhelfen. Da Fieber jedoch eines der wirksamsten Mittel ist, Viren abzutöten, riet Schellerer dazu, hier nicht sofort zu therapieren.

Achtung: Superinfektion

„Probleme kann eine normale Erkältung vor allem bei Menschen mit chronischen Erkrankungen, Immundefekt oder Mangelernährung hervorrufen“, sagte Dr. Bettina Temmesfeld, Oberärztin der medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie an der Charité, Berlin. Denn diese sind anfälliger für bakterielle Superinfektionen. Die Folge sind akute bakterielle Sinusitis, Otitis media, Pharyngitis, Infekte der unteren Atemwege, eine spastische Bronchitis oder gar eine Lungenentzündung.

„Bei einer Pharyngotonsillitis sind mit guter Wahrscheinlichkeit β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A im Spiel“, so die Medizinerin. Eine Antibiotikagabe richte sich dann nach klinischen Kriterien wie eitrige Mandeln, Lymphknotenschwellung, Fieber und fehlendem Husten. Da aber etwa die Hälfte der Patienten zu Unrecht Antibiotika erhielten, sollte stets ein Streptokokken-A-Schnelltest gemacht werden. Bei diesem erhalte der behandelnde Arzt bereits nach zehn Minuten ein Ergebnis, wohingegen Rachenabstrich und Kulturanlegen bis zu drei Tagen dauern können. Als Mittel der Wahl gilt Penicillin V, bei Penicillinallergie werde Erythromycin eingesetzt.

Einen gramnegativen Erreger gilt es dagegen bei einer Kehldeckelentzündung zu bekämpfen. Denn vor allem Hämophilus influenza ruft die Epiglotitis hervor, bei der es durch einen geschwollenen Kehldeckel zu Erstickungsanfällen kommen kann. Therapiert wird die Entzündung mit systemischen oder inhalativen Glucocorticoiden, gegen den Erreger kommen eher intravenös Cephalosporine der zweiten oder dritten Generation und Clindamycin zum Zug, aber auch Amoxicillin mit Clavulansäure.

„Ein Potpourri von Erregern“ kann eine Sinusitis hervorrufen, dennoch sollten keine Breitbandantibiotika eingesetzt werden. Helfen können hier Amoxicillin mit β-Laktamasehemmer, Chephalosporine, Makrolide oder Gyrasehemmer.

Aufmerksam werden sollte man in der Apotheke, wenn der von einer Erkältung Geplagte sichtbar geschwollene Halsweichteile oder eine Kiefersperre hat, nicht mehr zu schlucken oder zu sprechen vermag beziehungsweise unter Luftnot oder Fieber von über 39 °C an mehr als drei Tagen leidet. Auch Menschen mit Vorerkrankungen sowie Ältere sollten bei einer Erkältung einen Arzt aufsuchen.

 

Erkältungsursache unbekannt

Über das, was hinter einer Erkältung steckt, herrscht unter den Deutschen weitgehend Unklarheit. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Emnid-Instituts, bei der 1002 Personen über 14 Jahre nach den Auslösern von Erkältungskrankheiten gefragt wurden. Bei einer Frage mit vier vorgegebenen Antworten entschieden sich nur 2,7 Prozent der Teilnehmer für Viren als alleinigen Auslöser. Die meisten wählten gleich drei der vier Möglichkeiten, da Mehrfachnennungen möglich waren. Mit 87 Prozent führte dabei falsche Kleidung die Statistik an, immerhin gefolgt von 86 Prozent für Viren, dann 77 Prozent für Zugluft. 66 Prozent der Befragten unterlagen dem Irrtum, Bakterien seien die Übeltäter, die hinter einer Erkältung stecken.

Richtig ist, dass mehr als 200 verschiedene Viren die Erreger eines grippalen Infekts sein können, allen voran Rhinoviren mit einem Anteil von über 30 Prozent. Daneben können auch Corona-, Respiratoty-syncytial- (RS), oder Adenoviren für eine Erkältung verantwortlich zeichnen.

 

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