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Neuer Standard beim stillen Tumor

01.12.2003
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Ovarialkarzinom

Neuer Standard beim stillen Tumor

von Christina Hohmann, Wiesbaden

Patientinnen mit der Diagnose Ovarialkarzinom haben eine schlechte Prognose: Weniger als die Hälfte von ihnen überlebt die nächsten fünf Jahre. In der Behandlung des Tumors konnten jetzt entscheidende Fortschritte erzielt werden. Eine innovative Kombination verbessert die Lebensqualität und verlängert die Überlebenszeit und setzt somit einen neuen weltweiten Standard.

Obwohl das Ovarialkarzinom mit 8000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland im Vergleich zu Lungen- oder Brustkrebs relativ selten ist, zählt es doch zu den häufigsten Krebstodesursachen bei Frauen. „Dies zeigt, wie schlecht die Prognose bei dieser Erkrankung ist“, sagte Professor Dr. Jacobus Pfisterer vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Ein Grund hierfür ist, dass der Krebs meist in sehr fortgeschrittenem Stadium erkannt wird, da er keine typischen Frühzeichen hat, weshalb er auch als „stiller Tumor“ bezeichnet wird. Die Patientinnen leiden an Völlegefühl, Schmerzen im Unterleib, Störungen des Stuhlgangs, und ihr Leibesumfang nimmt zu. „Bei diesen allgemeinen Symptomen denkt niemand an Ovarialkarzinom“, so Pfisterer.

Die Ursachen des Eierstockkrebses sind noch mehr oder weniger unbekannt. Etwa 5 Prozent der Erkrankungen scheinen genetisch bedingt zu sein. Außerdem spielt vermutlich die Ovulation und eine fehlgeleitete Reparatur nach dem Eisprung in der Pathogenese eine Rolle. Denn Frauen, die viele Schwangerschaften hatten oder über lange Zeit orale Kontrazeptiva eingenommen haben, erkranken seltener als andere Frauen, berichtete der Mediziner. Eierstockkrebs geht vom Deckepithel des Ovars aus. Wenn der Tumor die Kapsel des Organs durchbricht, kann er in die gesamte Bauchhöhle streuen und Metastasen im Bauchfell (Peritonealkarzinom) hervorrufen. Seltener streut der Tumor über die Lymphbahn, noch seltener über die Blutbahn. Meist sterben die Patientinnen an Problemen im Bauchraum, erklärte Pfisterer. „Die Schlingen des Dünn- und Dickdarm verkleben miteinander, es kann zu Darmverschlüssen kommen.“

Die Therapie basiert auf den zwei Säulen Operation und Chemotherapie, die „nicht gegenseitig zu ersetzen sind“, wie der Mediziner betonte. Bei der Operation wird der Ausdehnungsgrad der Tumoren ermittelt und das Tumorgewebe möglichst vollständig entfernt. Fast alle Patientinnen erhalten anschließend eine Chemotherapie. Bei den meisten Frauen, etwa 75 Prozent, ist nach dieser Primärtherapie kein Tumorgewebe mehr nachweisbar. Trotz der Behandlung entwickeln aber über die Hälfte von ihnen Rezidive – meist innerhalb der ersten fünf Jahre. Je früher die Rezidive auftreten, desto schlechter die Prognose, erklärte Pfisterer. Rezidiv-Patientinnen erhalten eine weitere Chemotherapie, die die Lebensqualität verbessern und die Überlebenszeit verlängern soll.

In Bezug auf die Überlebensraten der Patientinnen mit Eierstockkrebs stand Deutschland Anfang der 90er-Jahre im europäischen Vergleich nicht gut da, berichtete der Referent. Um die klinisch-onkologische Forschung voranzutreiben und die Therapie des Ovarialkarzinoms zu verbessern wurde 1993 die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie – Arbeitsgruppe Ovarialkrebs (AGO OVAR) ins Leben gerufen (siehe Kasten). Zwei aktuelle Studien der AGO OVAR haben sowohl in der Primärtherapie als auch in der Rezidivbehandlung weltweit neue Standards gesetzt, so Pfisterer.

Erfolgreiche neue Kombination

Bis Mitte der 90er-Jahre war eine radikale Tumoroperation und anschließende Chemotherapie mit der Kombination aus Cisplatin und Alkylantien die beste therapeutische Option bei Ovarialkarzinom, berichtete Professor Dr. Andreas du Bois. Einen enormen Fortschritt brachte die Einführung des Wirkstoffs Paclitaxel (Taxol®), der die Mortalität deutlich senkte. Die mittlere Überlebenszeit bei der Kombination aus Cisplatin und Paclitaxel betrug 38 Monate gegenüber 24 Monaten bei der bisherigen Standardbehandlung. Die effiziente Kombinationstherapie brachte allerdings einige Nachteile mit sich, erklärte du Bois. So dauerte die Infusion fast 48 Stunden, was eine ambulante Behandlung unmöglich machte und für die Patienten eine große Belastung darstellte.

Mediziner versuchten daher, die Therapie so abzuwandeln, dass die Infusionsdauer auf vier Stunden verkürzt werden konnte. Dies führte allerdings zu dramatischen Nebenwirkungen, sagte der Referent. „Fast jede vierte Patientin litt an Nervenschäden auf Grund der Neurotoxizität.“ Die AGO OVAR setzte sich daher zum Ziel, bei gleicher Wirksamkeit und kurzer Infusionsdauer die Nebenwirkungsrate zu senken. Hierfür testeten die Mediziner einen anderen Platinkomplex, nämlich Carboplatin, in einer prospektiven randomisierten Phase-III-Studie. In die OVAR-3-Studie waren 798 Frauen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom aus insgesamt 137 Kliniken eingeschlossen. Die Patientinnen erhielten entweder Paclitaxel (175 mg/m2) in Kombination mit Carboplatin (AUC 5) alle drei Wochen insgesamt sechs Mal oder die bisherige Standardkombination aus Paclitaxel und Cisplatin. Bei beiden Therapien dauerten die einzelnen Infusionen vier Stunden.

Die neue Kombination erwies sich als genauso wirksam wie die Cisplatin/Paclitaxel-Kombination, war aber deutlich besser verträglich. Sie führte in der zweijährigen Beobachtungszeit seltener zu Nebenwirkungen wie Nervenschäden oder Übelkeit. Außerdem verbesserte sie die Lebensqualität der Patientinnen deutlich. „Die neue Carboplatin-Paclitaxel-Kombination ist heute weltweiter Standard in der Primärtherapie“, sagte du Bois.

Auch für die Rezidivbehandlung ergab sich durch eine aktuelle Studie ein neuer internationaler Standard. Lange war unklar, ob Rezidiv-Patientinnen mit einer Kombinations- oder einer Platin-Monotherapie behandelt werden sollten. Die Studie ICON 4/AGO OVAR-2.2 lieferte hierfür die Antwort. In der Untersuchung waren 802 Frauen mit Ovarialkarzinom eingeschlossen, bei denen nach mehr als sechs Monaten ein Rezidiv aufgetreten war. Die eine Hälfte der Patientinnen erhielt eine Kombination aus Carboplatin und Paclitaxel (in der gleichen Dosierung wie in der Primärtherapie), die andere Hälfte erhielt eine Platin-Monotherapie, den bisherigen Standard.

Die Kombination verbesserte signifikant das progressionsfreie Überleben sowie das Gesamtüberleben. Dies lag in der Kombinationsgruppe nach zwei Jahren bei 57 Prozent im Vergleich zum bisherigen Standard mit 50 Prozent. Carboplatin/Paclitaxel ist daher die aktuelle Standardempfehlung zur Behandlung von Patientinnen mit Rezidiven, schloss du Bois. Jetzt gelte es, die neuen Standards sowohl in der Primärtherapie als auch in der Rezidivbehandlung so schnell wie möglich umzusetzen.

 

Studiengruppe Ovarialkarzinom 1993 wurde die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie – Studiengruppe Ovarialkarzinom (AGO OVAR) gegründet mit dem Ziel die Therapie des Eierstockkrebses zu verbessern. 1995 startete die Non-Profit-Organisation die erste große klinische Studie. Mittlerweile initiiert und führt die AGO OVAR, der mehr als 300 universitäre und außeruniversitäre medizinische Einrichtungen in Deutschland angehören, zahlreiche klinische Studien durch, organisiert Fortbildungen und arbeitet in Fachgremien mit. Durch die Arbeit der Organisation und die intensive Kooperation zwischen den einzelnen Institutionen können derzeit 15 Prozent der Patientinnen mit Ovarialkarzinom in Studien behandelt werden. „Im Vergleich zu anderen soliden Tumoren, bei denen die Rate zwischen 2 und 4 Prozent liegt, ist das eine hohe Zahl“, erklärte Professor Dr. Jacobus Pfisterer, Studienleiter der AGO OVAR.

Betroffene, die sich für eine Teilnahme an Studien interessieren, können sich an eines der vier Studiensekretariate wenden, die auf der Website der Organisation unter aufgeführt sind.

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